Die jüngsten Soldaten des Aufstandes




Einführung

          Zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Warschauer Aufstandes 1944 waren in Warschau ca. 50.000 Soldaten kampfbereit und in verschiedenen verschwörerischen Gruppierungen auf fast ganz Warschau verteilt. Mehrheitlich waren dies Einheiten der Heimatarmee, aber auch kleinere Organisationen, wie NSZ, AL, PAL und KB, hatten ihre Stellungen bezogen.

          Ursprünglich war der Beginn des Aufstandes auf den 27. Juli 1944 festgelegt worden und die Einheiten befanden sich bereits an den festgelegten Konzentrationspunkten im Zustand hoher Wachsamkeit. Als der Beginn verschoben wurde, kehrten die Soldaten vorerst nach Hause zurück. Der nächste Termin für den Ausbruch wurde im Eilverfahren auf den 1. September für 17 Uhr festgelegt. Da die Befehle, weitergeleitet durch Verbindungskräfte, die einzelnen Zellen erst im letzten Moment erreichten, konnte ein großer Teil der Soldaten nicht rechtzeitig zu den festgelegten Orte gelangen. Der Ausbruch des Aufstandes überraschte sie an Stellen, die weit entfernt von den Konzentrationspunkten lagen, wodurch sie vom Zugang zu den Waffenlagern abgeschnitten wurden.

          Da die Hauptstadt faktisch in Reihen von abgeschlossenen Gefechtsgebieten aufgeteilt war, konnten diese Soldaten meist nicht zu ihren Stamm-Einheiten gelangen. Daher schlossen sich die Aufständischen den am nächsten stationierten Einheiten an, wurden dort registriert und nahmen den Kampf auf.

          

          Neben Erwachsenen kämpften auch Warschauer Kinder. Jungen im Alter von 11 – 18 Jahren meldeten sich bei den Führern der aufständischen Einheiten und forderten, dass auch sie im Kampf gegen den verhassten Besatzer mitwirken konnten. Ein Teil von ihnen war bereits in der Pfadfinderorganisation Szare Szeregi (graue Reihen) oder in verschwörerischen Fähnrichgruppen entsprechend geschult worden, die meisten jedoch sammelten ihre Erfahrungen beim Kampf auf den Warschauer Straßen.

          

          Die Anführer der einzelnen Einheiten unterlagen dem Druck der Freiwilligen, nahmen von ihnen den Eid des Heimatarmee-Soldats ab und gliederten sie in die Reihen der Aufständischen ein. Die Jugendlichen erfüllten ihre Dienste als Läufer, Nachrichten-Übermittler in Kanälen, sie zerstörten deutsche Panzer mit mit Benzin gefüllten Flaschen und wachten an den Barrikaden mit dem Gewehr in der Hand.

          

          Berüchtigt waren sie für ihren unglaublichen Mut und ihre Entschlossenheit, die um ein Mehrfaches die Einstellung der Erwachsenen überstieg. Viele der Jugendlichen wurden für ihre Verdienste im Kampf mit einer Dienstgrads-Beförderung ausgezeichnet: Schütze, Korporal, Zugführer, Feldwebel oder sogar Leutnant konnten sich die Soldaten dann nennen.

          Ein paar Duzende wurden zu Rittern der Orden Virtuti Militari (die höchste polnische Militär-Auszeichnung), Krzyz Walecznych (Helden-Orden) oder Krzyz Zas³ugi z Mieczami (Verdienste mit dem Schwert). Viele von ihnen wurden verwundet oder zahlten den höchsten Preis der Gefallenen auf dem Feld der Ehre.

          

          Kurz vor Ende des Aufstandes erhielten die Einheiten des Warschauer Heimatarmee-Gebiets, die am Aufstand teilnahmen, die Struktur einer regulären Armee. Damit verbunden war die Anerkennung der Kampf-Rechte der Aufständischen durch die von den Regierungen Großbritanniens und der USA unter Druck gesetzten Deutschen, die die Kämpfer bisher als Banditen bezeichnet hatten. Allerdings hatte dies in den meisten Fällen keinen Einfluss auf das Verhalten der Deutschen. In den Bezirken Czerniaków und Mokotów ermordeten sie weiterhin die verhafteten Aufständischen und liquidierten aufständische Krankenhäuser.

          Die aufständischen Einheiten wurden in den Warschauer Korpus der Heimatarmee verwandelt, zu dem die 8. Division der Infanterie AK im. Romuald Traugutt, die 10. Division der Infanterie AK im. Stefan Okrzeja und die 28. Division der Infanterie AK im. Maciej Rataja gehörte.

          Zur 8. Division gehörten das 13., 21. und 32. Regiment der Infanterie, die die Puszcza (Urwald) Kampinoska-Einheiten und die ¯oliborz Einheiten zusammenfassten. Die 10. Division, bestehend aus dem 28., 29. und 30. Regiment, gruppierte die Einheiten aus den Bezirken Mokotów, Sadyby, Czerniaków und Lasy Chojnowskie (der wäldlichen Gegend südlich von Warschau). Zur 28. Division gehörten das 15., 36. und 72. Regiment, die die Einheiten aus Sródmiescie (Stadtzentrum) umfassten.

          

          Nach der Kapitulation des Aufstandes, die am 2. Oktober 1944 in Ozarów im Quartier des deutschen Generals Erich von dem Bach unterschrieben wurde, bereiteten sich die aufständischen Soldaten auf den Auszug in die Gefangenschaft vor. Die von der Heimatarmee an die Soldaten der AL und KB ausgeteilten Ausweise schützten sie vor der Extermination durch den Besatzer. Die Einheiten sammelten sich an Punkten, an denen die Marschkolonnen geformt wurden. Die Soldaten marschierten in geschlossenen Reihen und trugen ihre Waffen mit sich, um sie an den gekennzeichneten Orten abzugeben. Gemäß der vorhergehenden Übereinkunft, wurden die abgegebenen Waffen beschädigt, damit sie vom Feind nicht wieder verwendet werden konnten.

          Insgesamt gelangten am 4. und 5. Oktober ca. 15.000 Aufständische in die deutsche Gefangenschaft. Hierbei handelte es sich um die entdeckten Einheiten, die neben den Pseudonymen auch die tatsächlichen Namen der Soldaten preisgeben mussten. Ein gewisser Teil der Aufständischen verließ die Stadt zusammen mit der Zivilbevölkerung. Dies waren u.a. die Soldaten der Sabotage-Führung Kedyw, die die Verschwörungstätigkeit fortführen sollten.



Gefangenschaft

          Unter den Tausenden von Aufständischen, die in Gefangenschaft gingen, waren ungefähr 2.500 Frauen und 1.100 Jungen im Alter von 11 bis 18 Jahren. Sie waren die jüngsten Kriegs-Gefangenen aller Zeiten und man kann diese Gruppe von Jugendlichen mit keiner anderen in der Geschichte der Kriege vergleichen. Wie bereits erwähnt waren unter ihnen Ritter der Orden Virtuti Militari, Waleczny und Zas³ugi z Mieczami. Gemäß den Bestimmungen der Genfer Konvention vom 27. Juli 1929 sollten die Jugendlichen gemeinsam mit den anderen Soldaten wie Kriegsgefangenen behandelt werden.

          Die Transporte der Gefangenen in die deutschen Gefangenenlager gingen von Ozarów und Pruszków aus. Für die Überfahrt in die Lager wurden je 50-60 Personen in geschlossene, mit Stacheldraht umgebene Güterwaggons gepfercht und von den Deutschen strengstens überwacht. In den Waggons war es so eng, dass man nicht sitzen konnte und, da bei den kurzen Stopps die Türen nicht geöffnet wurden, mussten die Gefangenen ihre physiologischen Bedürfnisse im Waggon verrichten. Um die Gefangenen zu terrorisieren, Fluchtversuche zu vereiteln und die Schreie der in den überfüllten Waggons nach Luft ringenden Menschen zu übertönen, schossen die Deutschen blindlings entlang der Waggons aus Maschinengewehren umher. Neben den gesunden Gefangenen befanden sich auch verwundete und kranke Leute in den Waggons. Schon hinter Tschenstochau wurde ein Waggon so beschossen, dass ein Aufständischer starb und zwei weitere verletzt wurden. Der Körper des Toten blieb im Waggon, während den Verwundeten keinerlei Hilfe vor der Ankunft im Lager geleistet wurde.

          Die Warschauer Aufständischen wurden u.a. in fünf Gefangenenlagern untergebracht:

       Stalag 344 O/S Lamsdorf (heute £ambinowice)
       Stalag XI A Altengrabow bei Magdeburg
       Stalag XI B Fallingbostel bei Hannover
       Stalag X B Sandbosten bei Hannover
       Stalag IV B Mühlberg-Elbe in Sachsen


          

          Die größte Gruppe gelangte ins Lamsdorfer Lager. Unter den ca. 5.800 Männern befanden sich ca. 600 minderjährige Aufständische. Auch 1000 aufständische Frauen wurden in dieses Lager eingeliefert. Während des Ausladens der Gefangenen verhielten sich die Soldaten der Wehrmacht gegenüber den Aufständischen brutal: sie zerrten sie rücksichtslos aus den Waggons, schlugen die Gefangenen mit den Kolben der Karabiner und stachen auf sie mit ihren Bajonetten ein, rissen ihnen die weiß-roten Binden von den Ärmeln und die polnischen Adler von den Mützen, den Verwundeten nahmen sie die Krücken weg. Polnische Banditen aus Warschau – so nannten die Deutschen die aussteigenden Gefangenen.

          Aus den Aufständischen wurden Marschkolonnen gebildet, die dann zum 6 km entfernten Lager getrieben wurden. Die Eskorte hetzte die Gefangenen mit Hunden und unter feindlichem Geschrei beschmiss die einheimische Bevölkerung die Gehenden mit Steinen und Schlamm. Einige Gefangene warfen Rucksäcke, Koffer, Decken und Mäntel auf den Boden um mit dem Marschtempo mitzuhalten und um Kraft für die Kinder, Schwächeren und Verletzten zu haben. Eine Kolonne wurde von den Deutschen zweimal um den Stacheldrahtzaun des Lagers geführt, bevor auch diese Gruppe ins Lager gelangte. Während des Marsches stahlen die Bewacher den Gefangenen deren kostbarste Gegenstände und Kleidung. Die Gefangenen wurden auf den Appellhof geführt, wo die Übermüdeten zu Boden fielen. Sie erhielten weder Wasser noch Essen und die Leiter des Stalag befahlen ihnen, die aufständischen, in Nationalfarben gehaltenen Binden abzunehmen und im Depositum abzugeben.

          
Kommandantur-Gebaeude (gegenwaertiger Zustand)                          Wache g.Z.)

          Im Lager hielten sich bereits viele Gefangene der verbündeten Nationen auf, vor allem sowjetische Gefangene. Das größte Interesse wurde den Kinder-Gefangenen zuteil. Nach dem Befehl der Binden-Abgabe protestierte der Regimentskommandeur Rataj "Pawe³" des 11 pp (Infanterie-Regiment) der Heimatarmee, einer der älteren polnischen Offiziere im Lager Lamsdorf, aber die deutsche Kommandantur behauptete, sie hätten von ihren Vorgesetzten keine Befehle erhalten, daher seien die Gefangenen für sie Banditen. Die Aufständischen legten daher ihre Binden in die Mitte des Platzes ab. Die Gefangenen des ersten Transports, unter denen viele Minderjährige waren, verbrachte die Nacht unter freiem Himmel, in Kälte und Nässe, ohne eine Möglichkeit sich zu bewegen, da die Deutschen ankündigten, auf alles sich Bewegende zu schießen. Die Aufständischen verbrachten hustend die Nacht auf der nackten Erde.

          Am nächsten Tag erklärte der Kommandant des Lagers Oberstleutnant Messner während des Appells, er habe in der Nacht aus Warschau die Kapitulationsbestimmungen erhalten, bedauere die gegenwärtige Situation und versichere, dass nun die Aufständischen gemäß der Genfer Konventionen behandelt werden würden. Man informierte die Aufständischen über die Vorschriften des Lagers und erlaubte ihnen, die weiß-roten Binden wiederanzulegen.

          Die auf dem Appellplatz kampierenden Aufständischen nahmen nun Kontakt zu den benachbarten sowjetischen Gefangenen auf, nur getrennt durch Stacheldraht und einen mehrere Meter breiten, umgegrabenen Streifen Erde. Die sowjetischen Gefangenen teilten ihnen mit, dass sie alle ihre Dokumente und vor allem Dienstgrads-Ausweise vernichtet hatten. So verbrannte auch ein Teil der Aufständischen ihre Dokumente auf dem Appellplatz.

          Bevor die Gefangenen der weiteren Transporte zu den Baracken geführt wurden, mussten sie sich auf dem so genannten Schaber-Platz einer Leibesvisitation unterziehen, während der die Deutschen ihnen Geld, persönliche Gegenstände, Uhren, Ersatz-Schuhe usw. wegnahmen, um sie ins "Depositum" zu bringen. Trotz der Kontrolle gelang es den Gefangenen, viele Gegenstände über die Durchsuchungs-Linie zu schmuggeln - u.a. ein Radio. Es gab sogar solche, die eine Schusswaffe auf das Lagergelände schmuggelten - das Maschinengewehr Schmeisser.

          Am 8. Oktober 1944 erfolgte die Erfassung der Neuankömmlinge und diese erhielten zunächst ersatzweise Papp-, später Metall-Gefangenennummern (als Identitätsnachweis). Außerdem erhielten alle Gefangenen des Aufstandes Fotos, die zusammen mit den Nummern um den Hals getragen wurden. Von diesem Tag an hörten die Gefangenen auf, für die Nazis Menschen mit Vor und- Nachnamen zu sein, und verwandelten sich in Lagernummern. Untereinander benutzten die Gefangenen Pseudonyme oder ihre echten Namen.

          Während der Registrierung, gaben die minderjährigen Jungen, nicht wissend was für ein Schicksal sie erwartet, den deutschen Lagerleitern teilweise falsche Personenangaben ab, erhöhten oder verkleinerten ihr Alter, gaben falsche Namen und Geburtsorte an. Dies hing auch damit zusammen, dass es Gerüchte gab, Jungen bis 16 Jahre würden nach Tschenstochau gebracht und dort der RGO (Rada G³ówna Opiekuncza, d.h. Haupt-Fürsorgerat) übergeben, einer gesellschaftlichen Hilfsorganisation des Generalgouvernements für die polnische Bevölkerung, die 1940 im Einverständnis mit dem deutschen Besatzer gegründet worden war. Einige der minderjährigen Gefangenen gaben aus Angst vor dem Schicksal der engsten Familie falsche Namen an, damit man als Rache für die Teilnahme des Kindes am Aufstand gegen diese keine Repressionen ausübe. Um dem sofortigen Tod zu entkommen, gaben einige junge Aufständische jüdischer Abstammung falsche Namen an.


Ueberreste der Lager-Baracken (g.Z.)

          Die Bedingungen im Lager Lamsdorf waren sehr schlecht. Die Aufständischen wurden in heruntergekommenen, verlausten Baracken im Vorlager der sowjetischen Gefangenen untergebracht. Die Wohnbaracken waren mit keinerlei Sanitäreinrichtungen ausgestattet, es fehlte an Wasser und die Latrinen befanden sich in den entfernten Ecken des Lagers. In den Baracken gab es lediglich miteinander verbundene Etagenpritschen aus Holz sowie kleine Eisenofen, für die nicht ausreichend Brennmaterial vorhanden war. Die Gefangenen erhielten keine Matratzen oder Decken und mussten sich selbst helfen, wenn sie nicht auf dem blanken Holz schlafen wollten. Statt Waschbecken gab es Steintroge mit eisigem Brunnenwasser. Die Kälte zwang die Gefangenen dazu, in ihrer Kleidung zu schlafen.

          Der allgegenwärtige Dreck diente als Nährboden für Insekten, die schnell zu einer Plage wurden. Abends, wenn das Ungeziefer aus den Verstecken herauskam und seine Opfer attackierte, so dass an ein Einschlafen nicht zu denken war, wurde das „Insektenschlagen“ ausgerufen. Die Gefangenen zogen sich aus, setzten sich auf den Boden (es gab weder Tische noch Stühle) und suchten in den Nähten der Kleidung nach Insekten. Auch auf andere Weise wurde „gejagt“. Allerdings erzielte man keine nennenswerten Erfolge, da die Ursachen der Situation nicht beseitigt werden konnten. Das Leben in solchen Bedingungen verursachte die Schwächung des menschlichen Organismus, der so leichter anfällig für Infekte und Epidemien wird.

          Für viele minderjährige Gefangene wurde zum Hauptproblem das Fehlen von Tellern und Löffeln zum Essen. Sie waren gezwungen ihre Mahlzeiten aus Konservendosen einzunehmen, die schon bald korrodierten. Das Essen war sehr schlecht. Gemäß der Genfer Konvention hätten die deutschen Militärs den Gefangenen dieselbe Verpflegung garantieren müssen wie für die eigene Ersatzarmee, trotzdem ernährten sie die Gefangenen unterhalb dieses Standards und hielten sie stets an der Grenze zum Hunger oder im Zustand chronischen Hungers.

          Das kalorienarme (ca. 700 cal), eintönige Essen verursachte bei den jungen Gefangenen Gewichtsverlust sowie verschiedene Krankheiten. Es reicht anzumerken, dass der tägliche Bedarf eines jungen Menschen je nach Alter bei 2.600 cal für 12-jährige und 3.700 cal für 18-jährige beträgt. Die Mahlzeiten im Lager reichten somit nicht aus, auch nur die Grundbedürfnisse des menschlichen Organismus zu decken. In allen Berichten minderjähriger Gefangener des Lagers Lamsdorf über die Lagerrealität spielt der Hunger die Hauptrolle. Das Hauptziel des Hungernlassens der minderjährigen Gefangenen war ihre Vernichtung.

          Die Folge der Unterernährung, der tragischen Lebensbedingungen sowie der Dreck war die schnelle Verbreitung von Krankheiten, vor allem von blutigem Stuhlgang, Typhus, Anämie, Lungenentzündung und Skorbut. Trotz der Verbreitung der Krankheiten, kümmerte die Lagerleitung sich nicht um eine Versorgung der Gefangenen mit auch nur elementarster Pflege und ärztlicher Hilfe. Im Kampf mit einer wenigstens teilweisen Verbesserung des katastrophalen Gesundheitszustandes der minderjährigen Gefangenen, errichteten die Ärzte der Heimatarmee ein provisorisches Krankenzimmer in einem der Barackenkammern der Jugendlichen. In einem mit Brikett beheizten Raum waren die Pritschen mit Strohsäcken ausgelegt.

          Besonders anstrengend waren die täglichen mehrstündigen Appelle auf dem Hof, die von den Deutschen durchgeführt wurden, um die Zahl der Jungen des Warschauer Aufstandes zu kontrollieren. Die jugendlichen Gefangenen waren sehr schlecht gekleidet. Unbeweglich in einer Position strammstehend, bei Wind und Wetter bis über beide Knöchel im Schlamm steckend, froren sie bis an die Grenze des Ertragbaren. Gleichzeitig marschierte der Blockführer entlang der Reihen und vergnügte sich mit dem Zählen der Gefangenen. Bis zum letzten musste alles seine Richtigkeit haben. Großes Ärgernis bereiten Leibesvisitationen und die Durchsuchungen der Gefangenenkammern in den Baracken.

          Die Lagerleitung war sehr streng. Von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang durften die Baracken nicht verlassen werden, in dieser Zeit durften die minderjährigen Gefangenen sogar nicht zu den Latrinen, d.h. zu den Löchern in den geöffneten Betonplatten. Die auf den Türmen installierten, starken Reflektoren erleuchteten in der Nacht das Gelände des Lagers. Beim Annähern zum Stacheldrahtzaun oder Verlassen der Baracken in der Nacht drohte lebensbedrohliche Gefahr.



Ein außergewöhnlicher Appell

          Am 18. Oktober 1944 wurde im Stalag 344 Lamsdorf ein nicht alltäglicher und unerwarteter Appell ausgeführt, während dem die deutsche Lagerleitung die Jugendlichen unter den Gefangenen heraussuchen wollte. Der deutsche Lager-Kommandant Oberstleutnant Messner betrog die polnischen Funktionärs-Offiziere, Betreuer der Minderjährigen, indem er ihnen versicherte, er wolle die Kinder und minderjährigen Aufständischen bessere Bedingungen verschaffen und überlege sogar, sie nach Tschenstochau zum RGO zu schicken.

          Ein zusätzlicher Plan der Deutschen bestand darin, einen Propaganda-Film zu drehen, bei dem man das Motiv der Kinder-Soldaten zwecks Propagierung der Volkssturm-Idee für junge Deutsche ausnutzen wollte. Der Volkssturm war eine territoriale Militärorganisation des Dritten Reiches, die im Rahmen der totalen Mobilisation kraft des Dekrets Hitlers vom 25.09.1944 (verkündet am 18.10.1944) gegründet wurde und die Kräfte der Wehrmacht verstärken sollte. Der Volkssturm wurde aus Personen (im Alter von 16-60 Jahren und fähig Waffen zu tragen) geformt, die aufgrund der Arbeitsmarkt-Situation bisher außerhalb der Armee geblieben waren. Die Goebbels-Propaganda unterstrich, dass der Volkssturm Seite an Seite mit der regulären Armee den Krieg noch gewinnen könne. Das Filmen der Kinder und Jugendlichen der Heimatarmee im Kriegsgefangenenlager in Lamsberg während des Appells sollte, so der Gedanke der Deutschen, die psychologische Wirkung entfalte, die deutschen Jugendlichen für den Dienst in den Reihen des Volkssturms zu begeistern.

          Vor den langen Reihen stehender Gefangener, begannen also auf Befehl der Kommandantur nacheinander die 11-, 12-, 13-, 14-, 15-, 16-, 17-jährigen Soldaten der Heimatarmee, die Helden des aufständischen Kampfes, die Ritter der Orden Virtuti Militari und Walecznych aufzutreten. Je größer die Gruppe der vor den Reihen auftretenden Jungen wurde, desto wütender wurden die Nazis, bis sie das Filmen unterbrachen. Sie sahen ein, dass das gefilmte Material eine ganz andere Botschaft transportierte, nämlich Heldentum und Männlichkeit der jüngsten Soldaten des Warschauer Aufstandes. Mit eigenen Augen hatten sie nun gesehen und waren überzeugt, dass in Polen alle gegen den verhassten Besatzer kämpften und dass keine andere Armee solche Jungen-Soldaten hatte.

          

          Denn auf dem Appellplatz des Lagers Lamsdorf standen 550 der jüngsten Soldaten der Welt. Und das war doch nur ein Teil von ihnen, die Mehrheit der Minderjährigen hatte die Ruinen der Stadt mit ihren Eltern und der Zivilbevölkerung verlassen. Viele junge aufständische Soldaten waren außerdem in anderen Gefangenenlagern untergebracht. In den Reihen der Erwachsenen gab es Duzende Jungen, die den Intentionen der Lagerleitung nicht vertrauten und sie traten trotz Befehls nicht auf.

          Die Nazis hielten ihr Wort nicht. Nach dem Appell trennte man die Jungen von den betreuenden Erwachsenen und quartierte sie in einen anderen Teil des Lagers ein, in dem verschärfte Bedingungen galten. Sie zählten sie somit zur fünften Kategorie von Gefangenen, die man so grausam behandeln konnte, wie man wollte.



Widerstand

          Die schlimmen Bedingungen, in denen die jungen Gefangenen leben mussten, riefen auf natürliche Weise das Verlangen nach Fluchtversuchen hervor. Das internationale Recht erkennt das Verlangen des Gefangenen nach Wiedererlangung der Freiheit an. Die Gefangenen, die sogar zwei, drei mal versuchten zu fliehen und dabei erwischt wurden, sollten nur auf dem disziplinärem Wege bestraft werden. Der Waffengebrauch gegen den Gefangenen war nur dann erlaubt, wenn dieser vorher gewarnt und aufgerufen wurde, Fluchtversuche zu unterlassen.

          Einige Jungen beschlossen zu fliehen. Es waren die 17-jährige Schützen: Jan Lewandowski "Aleksander" (Ritter des Orden Walecznych), Janusz Zbigniew Sznytko "Bogdaniec" und Ireneusz Jan Wiœniewski "Irek". Sie beschlossen in der Nacht vom ersten auf den zweiten November 1944 zu fliehen. Sie tauschten mit ihren Kollegen ihre Kleidung, entledigten sich so gut es ging aller Uniform-Elemente wie z.B. Knöpfe mit Adlern. Sie planten, zunächst den nicht so streng bewachten Sektor der französischen Gefangenen zu erreichen und danach durch den Drahtzaun auf den benachbarten Truppenübungsplatz zu gelangen.

          Nach dem Appell kehrten sie nicht in die Baracken zurück. Sie wussten um die Frequenz des Reflektorenscheins der Türme und überbrückten mit einzelnen Sprüngen die Entfernung zum französischen Sektor. Danach überwanden sie den seichten Graben und den Stacheldrahtzaun. Nach kurzer Beratung beschlossen sie, unter dem Zaun, der sie vom Truppenübungsplatz trennte, hindurch zu kriechen. Schon unter dem Zaun stellten sie fest, dass neben den Wachtposten auf den Türmen, weitere Wachen alle 50 m entlang des Zaunes patrouillietren. Die Jungen durchschnitten die Drähte und machten sich den Weg vor sich frei, in dem sie die Stacheldrahtbündel bei Seite schoben. In diesem Moment erschien unerwartet auf seinem Fahrrad ein deutscher Offizier mit Hund, der die Wachtposten inspizierte. Der Hund entdeckte die Fliehenden und begann zu bellen. Der Nazi hielt an, nahm seine Waffe heraus und begann ohne Warnung aus drei, vier Metern Entfernung auf die unbewaffneten Jungen zu schießen. "Bogdaniec" war auf der Stelle tot, "Aleksander" wurde am Kinn getroffen und "Irek" zerrissen zwei Kugeln die linke Schulter und das linke Schulterblatt. Nach der Entdeckung der Fliehenden schoss der Offizier eine Rakete ab. An dem Ort des Geschehens versammelten sich einige Soldaten und Offiziere. Sie begannen die auf der Erde liegenden Jungen zu treten und zu beschimpfen. Die Hunde zerrten an deren Kleidung und bissen zu.

          Die an die Stelle mit Tragbahren geeilten sowjetischen Gefangenen, die im Lazarett beschäftigt waren, schafften den toten "Bogdaniec" und den verletzten und bewusstlosen "Irek" fort. Die Deutschen hielten ihn ebenfalls für tot. Man nahm ihm das Identifikations-Zeichen weg und in der Dokumentation findet sich der entsprechende Vermerk. "Aleksander"“ begab sich aus eigenen Kräften ins Lazarett, wo zunächst sein durchschossener Kiefer verarztet wurde. Im Anschluss wurde er von den Deutschen verprügelt und verhört. Danach wurde er über zwei Wochen lang in einer Einzelzelle isoliert, bis er in ein anderes Lager verlegt wurde.

          Ein viel komplizierteres Schicksal wartete auf "Irek" Wisniewski. Für einen Toten ohne Identifikations-Zeichen gehalten, wurde er heimlich durch seine Unglücks-Gefährten geheilt und nach anderen geradezu unglaublichen Abenteuern überdauerte er im Lager bis zur Befreiung durch die amerikanische Armee unter anderem Namen.

          Es gab weitere Fluchtversuche, doch kein einziger endete erfolgreich. Zu Beginn des November 1944 wurde der 14-jährige Schütze Tadeusz Górski "Góral" bei dem Versuch erschossen, vom Todesstreifen (der umgegrabene Streifen Erde zwischen dem Stacheldraht) einen Kohlkopf, der von einem französischen Gefangenen herübergeworfen wurde, aufzuheben.

          Auf diese Weise erfüllte also die "ritterliche" Wehrmacht die Vorschriften der Genfer Konvention.

          Nach dem Krieg gelang es der Familie nicht, das Grab des im Lager Lamsdorf erschossenen Janusz Zbigniew Sznytko "Bogdaniec" zu finden.



Das weitere Schicksal

          Zwischen Mitte November 1944 und Mitte Januar 1945 wurden die minderjährigen Gefangenen vom Lager Lamsdorf in andere Gefangenenlager verlagert. Diese Lager hießen:

       Oflag VII A Murnau
       Stalag XVIII C Markt Pongau
       Stalag VII A Moosburg
       Stalag VII B Memmingen
       Stalag III A Luckenwalde
       Stalag VII C Sagan
       Stalag IV B Mühlberg
       Stalag IX C Bad Salza
       Stalag XIII D Nürnberg
       Oflag II D/Z Gross Born


          Nur einer der minderjährigen Gefangenen, der 11-jährige Schütze Ryszard Chêciñski „Myszka“ wurde von der deutschen Kommandantur in die Freiheit entlassen. Er wurde mit dem Status eines zivilen Zwangsarbeiters von seiner Mutter abgeholt.

         Die in die anderen Lager verlegten jugendlichen Gefangenen wurden zur Zwangsarbeit in deutschen Waffenfabriken gezwungen. Dies stellte wieder einen Verstoß gegen die Genfer Konvention dar, die vorschrieb, dass die Gefangenenarbeit nicht im direkten Zusammenhang mit den Kriegshandlungen stehen und keine Gesundheits- und Sicherheitsgefahr entstehen durfte. Die Jungen wurden zur Produktion von "Messerschmidt"-Flugzeugen, Sturmgeschütz, Panzer- und Tret-Minen und Maschinenpistolen gezwungen. Wann immer es möglich war, sabotierten die Gefangenen die ausgeführte Arbeit. Viele Jahre danach ermöglichte es der fiktive Status des Gefangenen den jugendlichen Aufständischen nicht, sich um die Zwangsarbeiter-Entschädigung zu bemühen. Erst nach einer gewissen Zeit, gelang es dank der beträchtlichen Unterstützung durch die Stiftung für deutsch-polnische Aussöhnung diese offensichtliche Ungerechtigkeit zu beseitigen.



Epilog

          Die Schicksale der 1945 aus der Gefangenschaft befreiten jugendlichen Warschauer Aufständischen waren sehr unterschiedlich. Ein Teil der von der Roten Armee Befreiten kehrte sofort nach Polen zurück. Diejenigen, die von den Amerikanern befreit wurden, gelangten teilweise in die von der US-Armee organisierten Wachtkompanie. Andere wurden von der Junacker Kadetten Schule in Palästina aufgenommen. Später kehrte ein Teil von ihnen 1947 nach Polen zurück, andere zogen in die ganze Welt hinaus. Diejenigen, die in die Heimat zurückkehrten, erhielten von der Regierung keine moralische Befriedigung, wurden häufig diskriminiert, erniedrigt oder sogar verhaftet.

          Trotz dessen beendeten viele in der Heimat oder im Ausland ihr Studium, wurden hervorragende Wissenschaftler und Ingenieure, nahmen hohe Stellen im Staatsapparat und dem diplomatischen Dienst ein. Ihr tiefgehender Patriotismus und ihr Durchhaltevermögen unter den schrecklichen Bedingungen der deutschen Gefangenschaft verdient allerhöchste Anerkennung und eine dauerhafte Erinnerung der Generationen. Die Geschichte jedes einzelnen Aufständischen ist es wert, festgehalten zu werden. Neben eingeborenen Warschauern und Jungen aus den Warschauer Vororten, waren unter den Kämpfenden Jugendliche aus fast allen Orten des damaligen Polen, von den "Kresy" (östliche Grenzgebiete) über Kattowitz bis nach Posen.

          Nimmt man als Bezugspunkt das Ankunftsdatum im Lager Lamsdorf (6.10.1944), kann man festhalten, dass unter den 550 jugendlichen Gefangenen, die am 18. Oktober 1944 zum Appell erschienen

         2 - 11-jährige
         6 - 12-jährige
         9 - 13-jährige
        48 - 14-jährige
      115 - 15-jährige
      175 - 16-jährige
      waren.

         Auf der Grundlage der zugänglichen Quellen kann man sagen, dass:
         3 von ihnen Ritter des Ordens Virtuti Militari und
         18 Ritter des Ordens Waleczny waren.


          Unter den gefangengenommenen Jungen waren 206, d.h. 37%, die während des Warschauer Aufstandes 1944 aufgrund ihrer besonderen Tapferkeit mit hohen Dienstgraden ausgezeichnet wurden, darunter befand sich auch die Auszeichnung als Leutnant.


Denkmal zum Gedenken an die Lagerhaeftlinge des Warschauer Aufstands


Weiter unten finden Sie die volle Liste der 550 Teilnehmer des Appells, der am 18.10.1944 im Stalag 344 Lamsdorf durchgeführt wurde.






Quellen:

Materialien des Prof. Damian Tomczyk

sowie Berichte von:
Witold Konecki "Sulima" Gefangenen-Nr.: 103162 und
 

Henryk £agodzki "Orze³" Gef.-Nr. 103284;
 

bearbeitet von Maciej Janaszek-Seydlitz;

übersetzt von Daniela Chodorowska



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