Wola in der Besatzungszeit

          Im Oktober 1939 ragte über Warschau eine rote Hakenkreuzfahne hervor. Eine Besatzungszeit in der Hauptstadt Polens, die fünft Jahre lang dauern sollte, hatte begonnen.
          Nach den Zerstörungen, die die Stadt während der Belagerung im September erlitten hatte, begann das tägliche Leben in Warschau wieder weiter zu gehen. Arbeiten bei der Instandsetzung des Netzes von elektrischen Anlagen waren im Gange. Auch arbeitete man daran, die Städtischen Kraftwerke wieder in Betrieb zu setzen. Festgelegt wurden Wasserstellen, wo man Wasser, das aus Hydranten des Wasserverteilungssystems stammte, nehmen konnte. Aus den Hauptteilen und Verkehrsachsen der Stadt wurden Trümmer beseitigt, die übrig gebliebenen Barrikaden wurden abgebaut.


Polnische Barrikade vom September 1939 unter der Bahnbrücke in der Wolska - Straße, nicht weit von der Bem- Straße entfernt

          Mitte Oktober wurden bereits manche Straßen dank den wieder funktionierenden Städtischen Gaswerken wieder beleuchtet. Allmählich wurde ein Teil von Wohnungen und Industriebetriebe mit Gas versorgt. Straßenbahnen und Busse begannen wieder zu verkehren. Auch die Warschauer Stadtbahn begann zu verkehren. Mitte November gab es fast in der ganzen Stadt wieder Wasser und Beleuchtung.


Eine Straßenbahn in dem besetzten Warschau

          In der Stadt mangelte es aber wesentlich an Lebensmitteln. Der Straßenhandel mit Lebensmitteln, Zigaretten (trotz des deutschen Verbots) sowie mit hausgemachter Seife, Kleidung und Galanteriewaren wurde zur Haupterwerbsquelle von Tausenden von Warschauern. In dem Stadtteil Wola, auf dem größten Marktplatz - dem Kercel - Platz sind von insgesamt 900 Marktbuden bzw. Marktständen aus der Vorkriegszeit lediglich 13 erhalten geblieben.
          Viele Warschauer hatten keine Unterkunft, keine Wohnung. In manchen Stadtteilen, u.a. im Stadtteil Wola wurden viele Gebäude infolge von Bombenangriffen und des Geschützfeuers während der Kämpfe im September beschädigt oder gar zerstört. Manche Familien blieben ohne irgendwelche Unterkunft. Sie suchten nach einer in den erhalten gebliebenen Wohnungsräumen in Wola oder in anderen Warschauer Stadtteilen.

          Ein strenger Winter war gekommen. In vielen Wohnungen gab es keine Fensterscheiben. Die Bewohner versuchten, um jeden Preis die Lücken zu ergänzen oder die Fenster mit Sperrholz oder Pappe zu bedecken. Es mangelte wesentlich an Brennstoff.

          Der Besatzer begann systematisch seine Vernichtungspolitik (auch „Ausrottungspolitik“) oder Politik der physischen Vernichtung des polnischen Volkes zu realisieren. Dies war der Fall sowohl auf den von Deutschen als auch von dem Sowjetrussland besetzten Gebieten. Aus den dem Reich angegliederten Gebieten wurden Tausende von Polen ins Generalgouvernement umgesiedelt, nachdem diese sie ihrer Immobilien, ihres unbeweglichen Vermögens beraubt worden waren.


Administrative Einteilung von polnischen Gebieten bis zum 22 VI 1941 (Atlas –Geschichte Polens 2004)

          Viele Polen wurden in Konzentrationslager verschleppt. Menschen wurden massenweise verhaftet und hingerichtet. Ähnlich sah die Lage im Generalgouvernement aus. In den Plänen der Nazis sollten vor allem Eliten – die polnische Intelligenz aus der polnischen Gesellschaft eliminiert werden.

          Die Deutschen definierten den Begriff von Personen, die für sie als „gefährlich“ galten. In dem Memorandum des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP vom 25 Oktober 1939 über die Behandlung der Bevölkerung des besetzten Polens gibt es die folgende Formulierung:

          „Der Begriff- polnische Intelligenz bezieht sich in erster Reihe auf die polnischen Priester, Lehrer (einschließlich der Hochschullehrer), Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Offiziere, alle höheren Staatsbeamten, bedeutende Kaufleute, Großgrundbesitzer, Schriftsteller, Herausgeber (Redakteure) wie auch auf alle Personen, die Hochschulbildung oder Abitur haben“.

          Nach diesen Kriterien begann der Besatzer mit der Verwirklichung seines Programms der systematischen Ausrottung des polnischen Volkes. Bereits im Jahre 1940 wurde die so genannte Paziffikations- Aktion: „AB-Aktion“ initiiert, im Rahmen deren etwa 3.500 Polen, die anhand von speziell vorbereiteten Listen verhaftet wurden und u.a. im Wald - Palmiry, nicht weit von Warschau entfernt, hingerichtet wurden. Andere verhaftete Menschen wurden in Konzentrationslager verschleppt, die früher in Deutschland gegründet worden waren.


Vernichtungsaktion der polnischen Bevölkerung (Atlas- Geschichte Polens)

          Um der Aufgabe gerecht zu werden, gründeten die Deutschen in einer kleinen Stadt, die am Rande des Drittes Reiches und des Generalgouvernements gelegen war, ein großes Konzentrationslager, das Auschwitz genannt wurde. Die Wahl des Ortes war nicht zufällig. In der Nähe befand sich ein großer Eisenbahnknoten, was ermöglichte, immer neue Transporte von Häftlingen ins Lager zu bringen. Das Lager begann Mitte 1940 zu funktionieren. Ursprünglich war es für die polnische Intelligenz und Polen, die gegen den Besatzer kämpften, vorgesehen. Später wurden hierher Juden, sowjetische Kriegsgefangenen und andere Häftlinge gebracht. Der erste Transport mit einigen hundert polnischen politischen Häftlingen kam nach Auschwitz am 14 Juni 1940. Nach der Meinung von Geschichtsexperten wurden ins Lager circa 1,3 Millionen Häftlinge (vor allem Juden aus ganz Europa), darunter circa 150 tausend Polen verschleppt. Die Zahl der Getöteten erreichte 1,1 Million Menschen. Nach einigen Quellen soll die Zahl von Opfern höher gewesen sein und sogar 4 Millionen Menschen erreicht haben. Dies wird aber von den meisten gegenwärtigen Forschern nicht bestätigt.

          Auch der sowjetische Besatzer blieb nicht passiv, sondern realisierte die Bestimmungen des Geheimprotokolls Ribbentrop - Molotow vom 28 September 1939 über gemeinsame Bekämpfung der polnischen Souveränitätsbestrebungen. Auf den der UdSSR angegliederten Gebieten wurden Grundbesitzer enteignet, Industrie und Banken - verstaatlicht. Massenweise wurden Staatsbeamten und Selbstverwaltungsbeamten, Offiziere, Grundbesitzer und soziale Aktivisten verhaftet. Insgesamt gab es fast 300 tausend inhaftierte Menschen. In den Jahren 1940-1941 kam es zu vier Deportationswellen. In Lager im europäischen Teil der UdSSR, Kasachstan und Sibirien wurden insgesamt 1,2-1,3 Millionen Menschen verschleppt.
          In deutschen und sowjetischen Kriegsgefangenenlagern gab es Tausende von polnischen Offizieren, die von den beiden Besatzern während des Septemberfeldzuges (Deutsch: Polenfeldzug) im Jahre 1939 gefangen genommen wurden. Das Schicksal sollte sich für viele von ihnen besonders grausam erweisen.

          Im Mai 1940 sagte der Gouverneur für die polnischen besetzten Gebiete Hans Frank das Folgende:
          „...Infolge der (AB-Aktion) werden einige tausend Polen aus dem Leben scheiden müssen, vor allem die Menschen aus ideologischen Kreisen von polnischen Führern... Verdächtige Menschen sind an Ort und Stelle zu liquidieren”.
          Häftlinge, die aus dem Generalgouvernement in Konzentrationslager ins Reich verschleppt werden, sind entweder uns zurück zu schicken, damit wir diese in die AB- Aktion einbeziehen können, oder an Ort und Stelle zu liquidieren“.


          Am 27 Oktober 1939 wurde der heldenhafte Präsident Warschaus - Stefan Starzyński von Deutschen verhaftet. Zuerst in Pawiak inhaftiert, wurde er später nach Berlin, ins Gefängnis Moabit (Das Moabiter Zellengefängnis) gebracht und schließlich in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Dort wurde er allem Anschein nach am 19 März 1944 ermordet. Unterlagen über seinen Tod waren im Besitz der STASI und wurden bis zum heutigen Tag der polnischen Regierung nicht verfügbar gemacht.

          Warschau blieb angesichts der deutschen Gewaltpolitik nicht passiv. Bereits im Frühjahr 1939 wurden die ersten Untergrundorganisationen und die Strukturen des polnischen Untergrundstaates gegründet. In der Nacht vom 26/27 September wurde „ Dienst für den Sieg Polens (Polnisch: Służba Zwycięstwu Polski- Abkürzung- SZP) in dem belagerten Warschau ins Leben gerufen. Am 13 November 1939 wurde dieser in den Bund für den bewaffneten Kampf verwandelt, der der Exilregierung unterstand. Am 14 Februar 1940 wurde der Bund für den bewaffneten Kampf vom General Władysław Sikorski in die Heimatarmee verwandelt.
          Außer dem Bund für den bewaffneten Kampf (BfbK) entstanden auch andere Untergrundorganisationen, die die Exilregierung anerkannten: Polnische Wehrorganisation , Bauernbataillone, Militärorganisation Eidechsenbund und andere.
          Infolge der Konsolidierungsaktion, die bis 1943 dauerte, erreichte die Heimatarmee die Zahl von mehreren hundert tausend Soldaten (circa 500.000) und wurde somit die größte Untergrundarmee in Europa.

          Im November 1939 ließen die Deutschen alle polnischen Schulen in Warschau, in denen das neue Schuljahr mit Verspätung begonnen hatte, schließen. Ein angeblicher Vorwand dazu waren Vorbeugungsmaßnahmen gegen Epidemie. Nach einiger Zeit erlaubte man lediglich Grundschulen und einige Berufsschulen zu öffnen. An Hochschulen erlaubte man nach einem Eingriff von Rektoren, den Absolventen, die die Hochschule 1939 absolviert hatten, Abschlußprüfungen abzulegen.

          Spezialisten aus dem Rassenpolitischen Amt sagten:
          „...Universitäten und andere Hochschulen, Berufsschulen, die fortwährend Zentren für chauvinistische Erziehung sind, sind zu schließen...
          Erlaubt werden nur Hauptschulen, wo allerdings nur die notwendigsten Grundkenntnisse wie Rechnen, Lesen und Schreiben beizubringen sind.
          Unterrichten von solchen aus dem nationalen Gesichtspunkt so wichtigen Schulfächern wie: Geschichte, Erdkunde, Literatur und Gymnastik ist ausgeschlossen…“


          In Grundschulen, die im September 1940 geöffnet wurden, waren somit solche Schulfächer wie: Geschichte, Erdkunde, polnische Literatur und Kunde über die Gegenwartswelt nicht mehr Bestandteil des Lehrprogramms. Als Reaktion für diese Maßnahmen des Besatzers wurde kurz danach das so genannte „tajne nauczanie" („Geheimunterricht-en“) in großem Umfang und einschließlich der Universitätsstufe organisiert.

          In der besetzten Hauptstadt wurden insbesondere Bewohner jüdischer Abstammung von dem Besatzer verfolgt. Sie wurden dazu gezwungen, ein Dawidstern-Armband zu tragen, das sie unter anderen Bewohnern unterscheiden sollte. Darüber hinaus wurden sie dazu aufgefordert, verschiedene Räumungsarbeiten auszuführen, z. B. bei der Beseitigung der Trümmer, wofür sie keine Belohnung bekamen.

          Am 12 Oktober unterzeichnete der Gouverneur des Distrikts Warschau - Ludwig Fischer eine offizielle Verordnung über die Gründung des Warschauer Ghettos. Ein Gelände mit der Fläche von circa 2,6km 2 wurde eingerichtet. Seitens des Stadtteils Wola wurde es durch die Okopowa und Towarowa - Straße abgegrenzt.



Karte des Gettos


          Das gesamte Gelände wurde von einer 3 Meter hohen Mauer aus Ziegel umgeben. Die künftigen Bewohner des Ghettos wurden zur Errichtung der Mauer gezwungen. Das jüdische Viertel wurde in das so genannte kleine und große Ghetto eingeteilt, die durch eine Holzbrücke auf der Höhe des zweiten Stockwerks miteinander verbunden waren. Diese verlief über die Chłodna - Straße, entlang der Żelazna - Straße. An einigen Punkten der Mauer wurden Durchgänge („Tore“) eingerichtet, die den Verkehr zwischen dem Ghetto und dem „arischen" Stadtteil ermöglichten. Im Januar 1941 wurden im Ghetto circa 400 tausend Juden zusammen gesammelt. Ein Teil von ihnen wurde zwangsläufig aus anderen Stadtteilen umgesiedelt. Die Polen, die dagegen innerhalb des Ghettogeländes bis dahin gewohnt hatten, wurden dazu gezwungen, in außerhalb dieses Geländes gelegene Stadtteile umzuziehen. Auch in anderen polnischen Städten wurden Ghettos gegründet.





Mauern des Gettos


          Im März 1941 erreichte die Anzahl der Ghettobewohner 460 tausend Menschen, weil hierher auch Transporte aus den in der Nähe von Warschau gelegenen Orten geschickt wurden. Im Ghetto herrschten extrem schwierige Lebensbedingungen. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch. Bis zur Mitte 1942 war ein wesentlicher Teil der Ghettobewohner gestorben. Am 22 Juli 1942 wurde das kleine Getto aufgelöst. Zahlreiche Transporte von den bis dahin hier lebenden Juden wurden in Vernichtungslager, vor allem nach Treblinka verschleppt. Bis Ende 1942 wurden circa 300 tausend Juden aus dem so genannten Umschlagplatz in der heutigen Stawka - Straße (nicht weit von der Dzika - Straße entfernt) in Vernichtungslager gebracht. Im Januar 1943 kam es zum ersten Mal zu bewaffneten Kämpfen zwischen jüdischen Kämpfern unter Führung von Mordechaj Danielewicz und Deutschen, die eine neue Aktion der Verschleppung von Juden vorbereiteten. Die Kämpfer erreichten ihr Ziel, die Aussiedlungsaktion („Säuberungsaktion“) wurde unterbrochen.

          Im Rahmen des Möglichen versuchten Polen, den von Deutschen verfolgten Juden ihre Hilfe und Unterstützung zu leisten. Bewohner von Wola hatten daran auch ihren aktiven Anteil. In der Ludwika Straße 6 wohnte Irena Sendler, die über 2.500 jüdische Kinder vor dem Tod rettete.


Irena Sendler

          Die Deutschen ließen auch die Bevölkerung Warschaus, die außerhalb des Gettos wohnte, nicht in Ruhe.





Kontrolle in der Wolska- Straße – ein deutsches Bild - aufgenommen in der Stereoskopie- Technik (aus der Sammlung von Janusz Walkulski)


          Gestapo und deutsche Polizei verhafteten systematisch polnische Patrioten gemäß vorbereiteten Listen und realisierten damit den Plan der Ausrottung des polnischen Volkes. Immer häufiger wurden auch die so genannten Razzias organisiert, wo in gewissen Stadtteilen eine große Menge von zufälligen Fußgängern festgehalten wurde. Die Verhafteten wurden ins Gefängnis in Pawiak gebracht, das innerhalb des Gettos situiert war, in Konzentrationslager, vor allem nach Auschwitz verschleppt oder fielen zum Opfer von Erschießungskommandos. Die Hinrichtungen von Polen wurden zu jener Zeit meistens im Wald in Palmiry in der Region von Puszcza Kampinowska (ein großer Waldkomplex, nicht weit von Warschau in nördlich-westlicher Richtung; als Kampinos - Urwald oder Wildnis übersetzt - Anm. des Übersetzers) durchgeführt.


Gefängnis- Pawiak

          Warschau blieb angesichts der Gräueltaten des Besatzers nicht passiv. Am 13 Dezember 1940 wurde in den Straßenbahnwerkstätten in der Młynarska - Straße im Stadtteil Wola ein Streik von Arbeitern, die besserer Belohnung für ihre Arbeit wollten, organisiert.


Straßenbahndepot in der Młynarska- Straße

          Die Deutschen verhafteten 4 Arbeiterdirektoren und zwei polnische Direktoren. Karol Bem - ein Aktivist der PPS (Polnische Sozialistische Partei) meldete sich damals freiwillig bei der Gestapo, um die übrigen Teilnehmer des Streiks vor der Hinrichtung zu retten. Bem wurde ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er im April 1941 ermordet wurde.

          Am 22 Juni 1941 überfielen die Deutschen unerwartet ihren bisherigen Verbündeten - Sowjetrussland. Mit diesem Zeitpunkt wurde somit der bisherige Feind Polens dadurch, dass er einen Kampf gegen Deutschland aufgenommen hatte, außer Großbritannien und Frankreich, zum Verbündeten Polens. Die polnische Gesellschaft wurde somit vor eine schwierige Wahl gestellt, nämlich welchen Standpunkt sie zu ihrem Ostnachbarn, der innerhalb von fast zwei Jahren des Krieges viel Böses angetan hatte, einnehmen sollte.

          Am 13 und 14 August organisierten die Deutschen große Razzias auf dem Kercel - Platz. Die festgenommenen Männer wurden später nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt, um die deutschen Arbeiter zu ersetzen, die zum Dienst in der Wehrmacht eingezogen wurden.

          Die neue Kriegssituation fand in einem Bombenangriff in Warschau, am 13 November 1941, der durch sowjetische Bomber durchgeführt wurde, ihre neue unerwartete Widerspiegelung. 8 Bomben, die aus der Höhe abgeworfen wurden, trafen das Bahngleis in der Kolejowa - Straße, die Rampe und Abstellgleise. Einige der Bomben beschädigten drei Häuser in der Nähe der Srebrna - und Miedziana - Straße, töteten 50 und verletzten weitere über 100 Menschen.

          In der Hauptstadt gewann die Aktivität der Untergrundorganisationen an Intensität. Am 14 November 1941 entdeckten die Deutschen eine geheime Untergrunddruckerei, wo das Blatt „Walka" („Kampf") gedruckt wurde; zwei Personen wurden hingerichtet, 6 Männer - verhaftet.

          Unter den neuen politischen Umständen wurden Kommunisten aktiver. Bis dahin war ihre Situation in der Gesellschaft eher „kniffelig“. Ihr Machthaber hatte doch seit Beginn der Besatzung in strengen, ja - freundschaftlichen Verhältnissen zu Nazideutschland gestanden, indem er dessen Kriegsführung unterstützte. Deutsche Flugzeuge, die an der Schlacht um England teilgenommen hatten, gebrauchten russischen Treibstoff. Noch am Tage des Ausbruchs des deutsch-sowjetischen Kriegs überquerten russische Güterzüge mit Rohstoff für das Dritte Reich die westliche Grenze der UdSSR.
          Am 5 Januar 1942 fand in der Krasinski - Straße 18 die erste Sammlung der Gründungsgruppe der konspirativen Polnischen Arbeiterpartei statt. Zum Erstsekretär der Partei wurde Marceli Nowotko „Marian", Mitglied einer aus drei Personen bestehenden Führungsgruppe, die einige Tage zuvor als „Initiativgruppe“ aus Moskau nach Polen angekommen war. Nowotko wurde mit Fallschirm in der Nähe der Wiązowna - Straße abgesetzt. In dem Namen der Partei wurde an die KPP (Kommunistische Partei Polens) nicht angeknüpft, weil die polnische Gesellschaft schlechte Assoziationen mit dieser Bezeichnung hatte.
          Die PPR - Polnische Arbeiterpartei sollte die Richtlinien der Kommunistischen Internationalen und politische Ziele der polnischen in Moskau „residierenden“ Kommunisten realisieren. Innerhalb der Polnischen Arbeiterpartei kam es von Anfang an zum Kampf um Macht. Nach einigen Monaten, am 28 November wurde Marceli Nowotko in der Karolkowa - Straße, Ecke der Hrubieszowska - Straße erschossen. Das Urteil wurde allem Anschein nach von Zygmunt Mołojec, dem Bruder seines politischen Hauptgegners - Bolesław Mołojec, der usurpatorisch die Macht nach dem ermordeten Nowotko übernahm, vollstreckt. Die anderen Aktivisten der Polnischen Arbeiterpartei hielten dies für Anarchie und die beiden Brüder wurden folglich bald danach liquidiert. Zum Erstsekretär der Polnischen Arbeiterpartei wurde Paweł Finder, Deckname „Paweł", der aus einer vermögenden jüdischen Kaufmannsfamilie stammte und bereits seit den zwanziger Jahren mit der kommunistischen Bewegung verbunden war.
          Am 6 Januar wurde die Volksgarde (Polnisch: „Gwardia Ludowa- Abkürzung GL), die ihre Tätigkeit faktisch am 28 März 1942 initiierte, ins Leben gerufen. Die Volksgarde wurde in die Heimatarmee verwandelt. Dies waren aber Organisationen, die wesentlich wenigere Mitglieder zählten als die Heimatarmee. Die Zahl der Soldaten der Volksgarde war nicht höher als 5 tausend und die der Volksarmee -36 tausend Soldaten.
          Nachdem die Kommunisten aktiv geworden waren, forderten sie von Anfang an dazu auf, gegen den Besatzer mit Waffen zu kämpfen und machten den Untergrundorganisationen der Heimatarmee es zum Vorwurf, diese „stehe mit Gewehr bei Fuß". Die Heimatarmee beschränkte sich in jener Periode auf Propagandatätigkeit und Kolportieren von Propagandazetteln und Blättern, weil diese davon ausging, dass irgendwelche bewaffneten Aktionen nur eine Zunahme von Gewalt seitens des Besatzers zur Folge haben könnten und diese Gewaltpolitik hatte bereits wesentlich an Intensität gewonnen.

          Im Frühjahr 1942 begann man mit dem Bau eines Kriegsgefangenenlagers für sowjetische Kriegsgefangenen im Stadtteil Wola. Das Lager war in der Gniewkowska - Straße, die von Warschauern „Baracken" genannt wurde, situiert und entstand infolge des Beschlusses der Wehrmacht im Zusammenhang mit dem Unternehmen „Ost" – dem Überfall auf die Sowjetunion. Maßgeblich für die Lokalisierung des Lagers war seine günstige Lage und unmittelbare Nähe des Hauptbahnverkehrsknotens.
          In der ersten Phase des Baus des Lagers wurde ein einige Hektar großes Gelände, das in der Nähe von Umschlaganschlussgleisen, die Ost mit West verbanden, mit einem Stacheldraht umgeben. Ein großes Rechteck wurde für das so genannte „Lagerfeld" bestimmt. Mehrere Wohnbaracken und zwei Wirtschafts -und Verwaltungsgebäude wurden gebaut. Um das Feld herum wurde eine Stacheldraht-Doppelumzäunung errichtet.
          Um das Gelände sichtbarer zu machen, wurde der Raum zwischen den Stacheldrähten entpflanzt. Dieser Abschnitt bildete die so genannte „Todeszone". Sollte jemand versuchen, diese zu betreten, da hatte der Wachmann den Befehl, ohne Warnung an diese Person zu schießen. Die Wachleute hätten dies gern gemacht, weil sie für Erschießung jedes Flüchtlings oder für Verhinderung einer Flucht einige Tage Urlaub bekamen. Um den Wohnungsteil besser beobachten zu können, wurde das Gelände mit am Rande der Umzäunung errichteten Wachtürmen umgeben, auf denen bewegliche Scheinwerfer installiert wurden.





Sowjetische Kriegsgefangenen auf dem Weg zum Kriegsgefangenenlager -Warschau


          Jerzy Janowski, damals 10 Jahre alt, erinnert sich:
          "Im Jahre 1942 haben die Deutschen entlang des Haupteisenbahnknotens und entlang des Bahnverkehrsstreckens in der Nähe der Gniewkowski - Straße, nicht weit von unserem Haus in der Sowiński - Straße entfernt, einen Komplex von Baracken erbaut, in dem sie Kriegsgefangenen gefangen hielten. Einer der Gefangenen, der außerhalb des Lagers arbeitete, entkam aus dem Gefängnis und versteckte sich im Korridor des Kellers unseres Hauses.
          Am Abend ging ich in den Keller Kohle holen und stieß auf diesen Gefangenen. Ich war recht mächtig erschrocken. In gebrochenem Polnisch und gestikulierend bat mich dieser Mensch, diskret zu bleiben und ihm zu helfen. Ich sagte meiner Mutter, was passierte und nachdem sie erfahren hatte, wer dieser Mann war, brachte sie ihn voller Angst nach Hause, wo er sich wusch, eine Speise, Kleidung und Schuhe meines Vaters bekam.
          Die Soldatenuniform und Schuhe haben wir in der Nähe des Hauses vergraben. Am Morgen verließ der Gefangene, dem wir einen Weg in östlicher Richtung zeigten, unser Haus und verschwand innerhalb einer Stadt. „In jenen unmenschlichen Zeiten war dies eine Wohltat, vielleicht eine Tat, die ein menschliches Leben rettete".


          Am 13 Mai zerschlag eine Gruppe der Untergrundorganisation „Wawer" Scheiben und zerstörte die Schaufenster in einem Raum des deutschen Werbebüros für Zwangsarbeiten in der Wolska- Straße.
          Am 15 Juni setzte eine Abteilung der Volksgarde einen Benzinspeicher am Westbahnhof in Brand.

          In der Nacht vom ersten auf den zweiten September 1942 kam es zu einem anderen mächtigen Bombenangriff von sowjetischen Flugzeugen in Warschau. Am heftigsten wurde das Arbeiterviertel - Wola bombardiert, wo die meisten Getöteten und Verletzten unter den polnischen Bewohnern gab. Der Wert von Waren, die auf dem Kercelak - Platz verbrannten, schätzte man nach der damaligen Währung auf 200 bis 300 Millionen Zloty. Außerdem wurden circa 100 Wohngebäude entweder zerstört oder beschädigt.

          Ende 1942 wurde der polnische bewaffnete Untergrundstaat aktiver. In der Nacht vom siebten auf den achten Oktober organisierten Abteilungen für Sabotageaktionen der Heimatarmee die Aktion „Wieniec" („Kranz"), derer Ziel es war, Bahnverkersstrecken um Warschau zu erobern. Seitens des Stadtteils Wola wurden am 2.10 Uhr zwei Bahngleise auf der Bahnstrecke zwischen Warschau - West und Włochy in einer Grube in der Nähe der Station Rozrządowa in die Luft gesprengt, zwei andere Bahngleise wurden auch in der Grube, die Włochy mit der Station Warszawa Towarowa und mit einer Ringbahnlinie verband, in die Luft gesprengt. Infolge der Aktion „Wieniec" („Kranz") war ein wichtiger Warschauer Eisenbahnknoten in der Nacht und am Vormittag, am 8 Oktober außer Betrieb. Das Ziel der Aktion war, deutsche militärische Transporte zur Ostfront zu behindern und diese zu verzögern.





Aktion „Wieniec" („Kranz")


          Als Vergeltung für diese Aktion wurde am 8 Oktober um 11.00 Uhr der private Marktplatz in der Przyokopowa - Straße von der deutschen Polizei mit Teilnahme der so genannten blauen Polizei abgesperrt. Durch Lautsprecher, die sich auf Polizeiwagen befanden, wurde bekannt gegeben, dass Warenstände beschlagnahmt würden. Einige Personen wurden auf Lastkraftwagen geladen und ins Lager in der Skaryszewska - Straße gebracht, wo Menschen zur Zwangsarbeit in Deutschland systematisch verschleppt wurden. Die Verladung und Transport der beraubten Waren dauerte insgesamt zwei Tage.





Razzia im Kercelak


          Am 16 Oktober wurden 10 Häftlinge des Gefängnisses in Pawiak als Vergeltung für die Aktion „Wieniec" („Kranz") am Bahnübergang, in der Mszczonowska - Straße gehängt. An vier anderen Punkten der Stadt, weit am Stadtrande und in der Nähe der Stadt wurden weitere 40 Häftlinge gehängt.





Hinrichtung in der Mszczonowska - Straße (Bild rechts- J. Mańkowska)


          39 Personen wurden am Rande von Puszcza Kampinowska (Kampinos - Wildnis) auf dem Gelände von Dünen - ‎ L‎uże erschossen. In einer Bekanntmachung wurde angegeben, dass 50 Kommunisten gehängt worden wären. Unter den Ermordeten gab es aber in der Tat auch Menschen von verschiedener politischer Weltanschauung. Keine der hingerichteten Personen hatte mit dem Sabotageakt irgend etwas zu tun.

          Als Vergeltung für die Hinrichtung von 89 Polen organisierte die Volksgarde am 24 Oktober 1942 Bombenattentate. Die Gardisten bewarfen mit Granaten deutsche Etablissements in der Innenstadt „Cafe Club" und „Mitropa". Einige Granaten wurden ferner in die Druckerei des pro-deutschen Blatt – „Nowy Kurier Warszawski", des so genannten Schmierblattes reingeworfen. Infolge der Attentate wurden einige Dutzend Deutschen getötet oder verletzt.
          Zwei Wochen später gelang es der Kampfgruppe der Volksgarde eine erfolgreiche Aktion durchzuführen, infolge deren Geld aus der Zentrale der Kommunalen Sparkasse in der Traugutt-Straße übernommen wurde. Über eine Million Zloty wurde erbeutet.

          In der Nacht vom 31 Dezember 1942 auf den 1 Januar 1943 nahm eine Streife des KEDYW der Heimatarmee einen Versuch vor, eine Bahnbrücke im Stadtteil – Wola, (nicht weit von der Bem- Straße entfernt) in die Luft zu springen. Es gelang aber nicht, die Bahnbrücke in die Luft zu sprengen, diese wurde nämlich hart bewacht, die Soldaten der Heimatarmee, die sich unter der Brücke versteckten, wurden demaskiert. Ein Bombenteam, an welches aus dem Bahndamm her geschossen wurden, musste sich zurückziehen, es gab nämlich eine Gefahr, dass die bereits scharf gemachten Sprengladungen explodieren würden. Die Aktion wurde unter dem Decknamen „Wieniec II" („Kranz II") durchgeführt.

          Um die Wende 1942/1943 hat der polnische Untergrundstaat seine Taktik von Sabotageaktionen in Warschau geändert. Die systematisch zunehmende deutsche Gewalt hatte zur Folge, dass man es sinnlos fand, solche bewaffneten Aktionen in der Zukunft nicht fortzusetzen. Man beschloss, die Taktik „Gewalt gegen Gewalt" einzusetzen. Das durch Gewalt terrorisierte Warschau fletschte die Zähne und begann zu beißen.
          In den einzelnen Stadtteilen wurden Sonderabteilungen für Sabotage - und Kampfaktionen des KEDYW-s des Bezirks Warschau gebildet. Ihre Aufgabe war es, systematisch Sabotageaktionen durchzuführen, Gestapo - und Abwehragenten sowie Kollabolateuer, die gemäß von Urteilen des Untergrundstaates zum Tode verurteilt worden waren, zu liquidieren. Es waren kleine, elitäre Gruppen von Soldaten, die circa einige Dutzend Menschen- Mitglieder des Untergrundstaates zählten.

          In Industriebetrieben, insbesondere im Stadtteil - Wola wurden Gruppen- und Sabotagezellen gebildet. Dies war, unter anderen, der Fall in der Maschinengewehrfabrik in der Dworska - Straße 29/31, in der Fabrik „Lilpop, Rau und Loewenstein" („Lilpop-Werke“) in der Bem- Straße 65.

          In einigen Untergrundanlagen begann man Pistolen der Marke- Sten („Sten Gun“ - eine Maschinenpistole britischer Produktion – Anm. des Übersetzers) und selbst hergestelltes Maschinengewehr wie auch Maschinenpistolen zu produzieren. An dieser Produktion waren: die Werkstatt in der Gniewkowska - Straße 1 a und die Werkstatt in der Młynarska - Straße beteiligt. Fertigteile (Bestandteile) für PPM (eine Maschinenpistole) wurden in der Fabrik von Hebezeugmaschinen -und Einrichtungen „Moc" in der Wolska- Straße 121 hergestellt und das Material für Gewährläufe für VISe (Poln: „pistolet Vis“ oder „Radom- Pistole“ - eine Pistole polnischer Konstruktion, die vor dem Krieg in Rüstungswerken in Radom hergestellt wurde - Anm. des Übersetzers) wurden aus der Maschinengewehrfabrik „Gerlach" in Wola in der Dworska - Straße 29/31 beschafft. Stens wurden auch in der Werkstatt von Feliks Stępniewski (Heimatarmee) in der Przyokopowa - Straße 27 hergestellt. An der Produktion von Einzelteilen und Bauelementen für „Błyskawica" (wörtlich „Blitz“, eine polnische Maschinenpistole, die massenweise in Untergrundherstellungsanlagen produziert wurde – Anm. des Übersetzers) waren ferner beteiligt: die Schlosserei der Industrie-und Handelsbetriebe „Władysław Paschalski" in der Żytnia-Straße 15/15, die Werkstatt in der Płocka - Straße (Ecke Wolska- Straße); die Fabrik von Werkzeugmaschinen/ Drehmaschinen „Pionier" in der Krochmalna- Straße (Pistolenschlösser) sowie eine Gruppe aus der Maschinengewehrfabrik „Gerlach" in der Dworska- Straße 29/31. In der Staatlichen Münzprägeanstalt (Ecke Prosta und Żelazna - Straße) wurden gefälschte deutsche Stempel sowie Teile für Maschinengewehr, u.a. „Sten" hergestellt.
          Die Mechanische Werkstatt -Na Bliznem produzierte massenweise „Sabotagemittel“, die in Sabotageaktionen gegen Fahrzeuge (die so genannten „kolce") genutzt werden sollten. In der Obozowa – Straße 76 war ein chemisches Labor der Volksgarde tätig, wo Sprengstoffe und Zündstoffe produziert wurden: schwere und leichte Brandgranaten (Thermitgranate), Brandflaschen, Bomben, genannt „Karbidówki“ (eine schwere Handgranate, die in Untergrundswaffenanlagen hergestellt wurde – Anm. des Übersetzers), Sprengladungen für Züge, die in die Luft gesprengt werden sollten, Zünder, Sprengschnüren, Ampeln mit Kaliumzyanid (Zyankali).
          In der Mechanischen Werkstatt in der Ogrodowa - Straße, in der Nähe vom Kercel - Platz wurden ‚Schellen’ für Handgranaten hergestellt. In der Fabrik von Metallerzeugnissen eines Volksdeutschen Karol Elsner wurde eine Anlage für Herstellung von Granaten, der so genannten „filipinki" (eine offensive Handgranate, die in Untergrundswaffenanlagen hergestellt wurde – Anm. des Übersetzers) lokalisiert. An der Kreuzung - Okopowa und Powązkowska-Straße funktionierte eine Produktionsanlage von Sprengstoff „Powązki", (Ecke Płocka - Straße). Sprengstoffe wurden auch in der Anlage „Wola" in der Wolska - Straße (Ecke Płocka -Straße) hergestellt.
          Rüstungsanlagen gab es aber auch in anderen Teilen Warschaus. Ein Teil von ihnen ist bis zum August 1944 erhalten geblieben, andere wurden von Deutschen entdeckt und liquidiert. Die dort arbeitenden Personen wurden verhaftet und in den meisten Fällen später ermordet.
          In den Warschauer im Untergrund tätigen Waffenproduktionsanlagen wurden fast 2.000 Maschinenpistolen, über 100.000 Handgranaten und einige Dutzend Tonnen von Sprengstoff hergestellt. Dies war eine imponierende Errungenschaft, insbesondere wenn man die Umstände berücksichtigt, unter welchen die Herstellung von Waffen zustande kam.

          Eine zusätzliche Rolle spielten die Untergrundaktivisten in der Werkstatt von Rundfunkgeräten „Philips" in der Karolkowa-Straße 32/44. Offiziell arbeitete die Werkstatt für Kriegsbedürfnisse. Innerhalb der Werkstatt war eine Gruppe von polnischen Ingenieuren, Technikern und Arbeitern, die mit der Heimatarmee verbunden waren, tätig. Dank ihnen wurden in der Anlage 60 Rundfunksender bzw. Funkstationen für die Untergrundarmee hergestellt. Eine Krönung der konspirativen Tätigkeit der Sabotagegruppe, die innerhalb von „Philips" tätig war, war eine Aktion unter dem Decknamen „SM", die direkt gegen die deutsche Kriegsmarine gerichtet war. Technische Sabotage beruhte auf dem Einsatz von Sondersubstanzen, die zur Korrosion führten und die bei der Herstellung von Rundfunkgeräten, die für deutsche U-Boote bestimmt waren, genutzt wurden.


Philips- Werke

          Am 14 April 1943 wurde in dem „Nowy Kurier Warszawski" (ein Propagandablatt - das so genannte „Schmierblatt“) die Information veröffentlicht, dass in Katyń bei Smoleńsk Massengräber von Tausenden von polnischen Offizieren aus dem Kriegsgefangenenlager (Offlag) in Kozielsk entdeckt wurden. Das Moskauer Radio widerlegte diese Information und machte die Deutschen für dieses Verbrechen verantwortlich. Einen ähnlichen Standpunkt nahm der konspirative Organ der kommunistischen PPR (Polnische Arbeiterpartei) „Głos Warszawy" ein und nannte die Bekanntmachung über das Verbrechen in Katyń eine „niederträchtige und arglistige antibolschewistische Propaganda". Die deutschen beschlossen, Katyń dazu auszunutzen, die Polen zu einem „Kreuzzug“ gegen Bolschewismus aufzufordern. Dies brachte aber nicht den gewünschten Erfolg. Die Polen waren sich darüber einig, dass die damalige politische Situation das Volk dazu veranlassen sollte, sich mit dem Verbrechen in Katyń in einer späteren Periode auseinanderzusetzen und nun sich stattdessen auf den Kampf gegen Nazis zu konzentrieren.
          Die polnische Exilregierung wandte sich an das Internationale Rotkreuz mit der Bitte, die Ermordung von polnischen Offizieren zu untersuchen. Als Antwort darauf brach Stalin diplomatische Beziehungen zur Exilregierung ab. Für ihn war dies eine günstige Gelegenheit aus dem Gesichtspunkt seiner künftigen Pläne in Bezug auf Polen. Die Regierungen von Großbritannien und von den Vereinigten Staaten anerkannten den Standpunkt von Stalin. Millionen von sowjetischen Soldaten, die an der Ostfront kämpften und im Kampf fielen und die somit die Alliierten in ihrem Kampf an der Westfront entlasteten, waren damals wichtiger als Loyalität gegenüber dem polnischen Verbündeten und Ehrengefühl. Später nahmen die Alliierten skrupellos an dieser abscheulichen Verschwörung des Schweigens teil.
          Im Nürnberger Prozess wurde das Verbrechen in Katyń letzten Endes nicht Gegenstand des Verfahrens, weil dieser Massenmord den Deutschen nicht nachgewiesen werden konnte. Erst im April 1990 machte der Erstsekretär der UdSSR - Michail Gorbatschow offiziell bekannt, dass NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) für das Verbrechen in Katyń Verantwortung trage. Unterlagen mit dem Mordbefehl im Jahre 1940 mit Zustimmung des sowjetischen Politbüros (und von Stalin persönlich unterzeichnet) wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht Leider hat die russische Regierung den Massenmord in Katyń bis zum heutigen Tag nicht als Völkermordverbrechen anerkannt, d.h. ein Verbrechen, das nicht verjährt wird.

          Am 19 April betraten deutsche Sonderabteilungen das Gelände des Ghettos, um dieses endgültig zu liquidieren. Jüdische Kämpfer leisteten starken Widerstand und zwangen die deutschen zum Rücktritt. Der Aufstand im Ghetto, der bis zum 16 Mai 1943 dauern sollte, hatte begonnen. Im Getto kämpften Aufständische aus zwei Organisationen: aus der Jüdischen Kampforganisation - ŻOB und dem Jüdischen Militärverband (ŻZB). Die Jüdische linksorientierte Kampforganisation unter Führung von Mordechaj Danielewicz wurde sowohl von der Regierungsvertretung im Lande (Polnisch: „delegatura rządu na kraj“, auch als „Delegatur im Land“ übersetzt) als auch von der polnischen Arbeiterpartei- PPR anerkannt. Der Jüdische Militärverband dagegen, der von ehemaligen Offizieren der Polnischen Armee und rechtsorientierten Aktivisten jüdischer Abstammung gegründet wurde, war eine rechtsorientierte von der Heimatarmee unterstützte Organisation. Nach den Schätzungen kämpften circa 600 Aufständische aus der Jüdischen Kampforganisation und 400 aus dem Jüdischen Militärverband im Ghetto. Die deutschen SS- Einheiten mit circa 3.000 Mann standen unter dem Befehl von SS - General SS Jürgen Stroop.
          Die Aufständischen waren schwach bewaffnet. Sie verfügten über 1 Maschinengewehr, 1 Maschinenpistole, 10-15 Stück Maschinengewehr, 200 Pistolen und Granaten. Die Deutschen wurden durch Artillerie und Panzerwaffen unterstützt und verfügten darüber hinaus über chemische Waffen. Trotz einer so drastischen Überzahl an Deutschen dauerten die Kämpfe im Ghetto fast einen Monat. Die Aufständischen kämpften unter den folgenden Flaggen: weiß-rot, sozialistisch - rot (Jüdische Kampforganisation) und jüdische: blau- weiß (Jüdischer Militärverband). Sie waren sich dessen bewusst, dass sie in diesem Kampf keine Chancen hatten. Sie kämpften um Ehre und Würde der Warschauer Juden.


Jüdische Aufständische

          Im Rahmen des Möglichen wurden die kämpfenden Juden von der Heimatarmee und Volksgarde unterstützt, indem diese Organisationen Sabotageaktionen im arischen Teil der Stadt organisierten. Es wurden Versuche vorgenommenen, an einigen Punkten (u.a seitens der Okopowa - Straße), die Mauern des Ghettos in die Luft zu sprengen, um den Kämpfenden Evakuierung zu ermöglichen. Diese Aktionen brachten aber leider nicht den gewünschten Erfolg. Auch wurden die deutschen Wachposten in der Nähe der Mauer angegriffen.
          Die Kämpfe dauerten vom 16 Mai 1943. Am 8 Mai verging Mordechaj Danielewicz zusammen mit seinem Stab Selbstmord, weil er nicht in die deutschen Hände fallen wollte. Edelmann übernahm danach die Führung. Im Kampf waren fast alle jüdischen Kämpfer gefallen.


Jüdische Kämpfer werden von Deutschen festgenommen

          Nur wenigen gelang es, aus dem Ghetto bei Unterstützung der Heimatarmee und der Volksgarde durch Kanäle rauszukommen. Unter ihnen befand sich Marek Edelman, der später mit einer Abteilung des Jüdischen Kampfverbands im Warschauer Aufstand 1944 in der Altstadt kämpfte.
          Am 16 Mai 1943 erklärte General Jürgen Stroop die Kämpfe im Ghetto für beendet. An demselben Tage befahl er, die Große Synagoge von Warschau (Na Tłomackim) in die Luft zu sprengen und besiegelte auf diese symbolische Art und Weise die Liquidierung des Warschauer Ghettos.

          Im Aufstand im Getto sind circa 7.000 Juden gefallen, 6.000 verbrannten bei lebendigem Leib, etwa 50.000 übrig gebliebene, letzte Bewohner des jüdischen Viertels wurden nach Treblinka verschleppt. Deutsche Verluste an Menschen betrugen 300 Getöteten und Verletzten. Das ganze jüdische Viertel wurde dem Erdboden gleichgemacht.


Ruinen des Gettos

          Über der steinernen Wüste ragte lediglich die einzige im jüdischen Viertel erhalten gebliebene Kirche- die St. Augustinus Kirche in Nowolipki, wo die Deutschen ein Lager und einen Beobachtungspunkt einrichteten. Nach wie vor funktionierte auch das Gefängnis in Pawiak, das im Ghetto zwischen der Dzielna und Pawia- Straße gelegen war.

          Nach dem Krieg teilte der Jüdische Militärverband dasselbe Schicksal wie die Heimatarmee. Wegen seines rechtsorientierten Charakters wurde der Verband von Historikern verschwiegen und seine brave Taten und brave Handlung während des Aufstandes im Warschauer Ghetto im Jahre 1943 wurden der linksorientierten Jüdischen Kampforganisation zugeschrieben.

          Nach der Liquidierung des Ghettos begannen die Deutschen noch in einem größeren Grad, die „arische" Bevölkerung Warschaus physisch auszurotten. Es kam zu einer Eskalation von Verhaftungen. Die Verhafteten, die ins Gefängnis- Pawiak gebracht wurden, wurden in den Ruinen des Ghettos hingerichtet. Im Gefängnis- Pawiak wurden in der Zeit zwischen 1939-44 etwa 100.000 Polen inhaftiert. Circa 60.000 wurden in Konzentrationslager und zur Zwangsarbeit verschleppt. 37.000 wurden erschossen (meistens in Palmiry oder in den Ruinen des Gettos).

          Die Besatzer realisierten den „Pabst-Plan", dessen Ziel die Marginalisierung der Hauptstadt Polens war. Friedrich Pabst wurde im Oktober 1939 zum Hauptarchitekten Warschaus ernannt. Unter seiner Führung und mit Zustimmung Hitlers begann man einen Plan der Zerstörung eines Großteils der Metropole zu entwerfen, um die Stadt in einen zweitrangigen, wenig bedeutenden Transitpunkt zu verwandeln. Warschau sollte circa 100-130 tausend Einwohner zählen. Nach dem Plan sollte die Rüstungsindustrie, insbesondere Waffenfabriken, aber auch der Eisenbahnknoten ausgebaut werden. Ferner sollte eine neue Kaserne für die Wehrmacht gebaut werden.


Pabst- Plan

          Bei der Realisierung dieses Plans wäre es notwendig gewesen, die Bevölkerungszahl Warschau drastisch zu reduzieren. Vor dem Krieg zählte diese Bevölkerung circa 1.3 Millionen Einwohner. Die erste Etappe des Plans wurde durch die Auflösung des Ghettos realisiert.

          Ein nächster Schritt war die Gründung des KL - Warschau. Es wurde beschlossen, das Lager im Stadtteil – Wola einzurichten, weil es hier entsprechende Infrastruktur und günstige Transportmöglichkeiten für Transporte von Häftlingen gab.
          Mit dem Bau des Lagers begannen die Deutschen in dem so genannten „Fort Bema" (heutzutage eine Siedlung im Stadtteil Bemowo). Es war ein Gelände, das zwischen den heutigen General Maczek - Straße, der Powstanców Śląskich - Straße und einer Strecke entlang des ehemaligen Militärgeländes, der in jener Zeit gebauten Schnellstraße S8 und der „ „ Trasa Armii Krajowej“ situiert war. Vor dem Krieg war hier die Munitionsfabrik Nr 1 tätig gewesen. Ursprünglich gründeten die Deutschen auf dem Gelände des „Fort Bema“ (Deutsch „Bem-Festung“) ein Lager, in dem sie polnische Soldaten aus dem Septemberfeldzug (Deutsch: „Polenfeldzug“) internierten. Hier befanden sich ferner Militärlager und Rüstungswerke. Im Oktober 1942 wurde „Fort Bema“ in ein Konzentrationslager verwandelt, in dem zivile Bewohner Warschaus festgehalten wurden. Es war eines der fünft Lager, die Teil des KL - Warschau bildeten. Das Lager am Fort Bema nahm die Fläche von über 20 ha ein. Innerhalb des Lagers gab es 55 Baracken und ein Gebäude in Gestalt des Buchstaben T, dessen Fundamente bis zum heutigen Tag erhalten geblieben sind. Einmalig konnten 1.000 Häftlinge im Lager untergebracht werden. Zwei andere Lager befanden sich am heutigen Westbahnhof, eines in der Gęsia - Straße (eingerichtet nach der Unterdrückung des Aufstands im Ghetto) und das andere in der Bonifraterska- Straße. KL Warschau war mit Einrichtungen für Massenmorde (Gaskammern und Krematorien) ausgestattet.


Der ursprüngliche Plan des KL- Warschau

          Die Lager waren miteinander durch eine Bahnlinie verbunden und unterstanden einer Kommandantur. Insgesamt gab es in allen Unterlagern über 200.000 Opfer. Meistens waren es Zivilisten, die bei Razzias, die in Warschauer Straßen durchgeführt wurden, gefangen genommen wurden, aber auch Menschen, die nach Warschau aus Südeuropa gebracht wurden. Im Unterlager in der Gęsia - Straße, in der so genannten „Gęsiówka" wurden vor allem Juden aus Polen, Ungarn, aus dem Reich, aus der Tschechoslowakei, Belgien, aus den Niederlanden, Litauen und Norwegen gefangen gehalten. Diese Häftlinge wurden zu Arbeiten beim Abbau des liquidierten Ghettos gezwungen.

          Ab Mitte 1943 wurden die Warschauer Untergrundorganisationen aktiver. In allen Stadtteilen wurden Sabotageaktionen systematisch durchgeführt, Todesurteile, die gegen Gestapo - Funktionäre, Funktionäre der so genannten Blauen Polizei, die der Polizei ihre „Dienste erwiesen“ und Gestapo - Informanten gefällt worden waren, wurden vollstreckt. Das alles wurde durch eine kaum glaubhafte deutsche Gewalt begleitet. An manchen Tagen wurden bis zu einigen hundert Polen, Häftlinge des Gefängnisses in Pawiak in den Ruinen des Ghettos hingerichtet.

          Die Deutschen konnten sich angesichts der erwähnten polnischen Sabotageaktionen in Warschau nicht mehr sicher fühlen. Um Attentate vorzubeugen, waren die Gemächer von deutschen Ämtern so eingerichtet, dass sie Befestigungen, die mit Stacheldraht umgeben waren, ähnlich waren. Die Streifenpolizisten kontrollierten die Straßen zu zweit oder zu dritt, nie alleine.

          Wie es in anderen Warschauer Stadtteilen der Fall war, intensivierten die polnischen Untergrundorganisationen ihre Aktionen gegen den deutschen Besatzer.
          Am 23 Juli 1943 wurde der Leiter des Werkschutzes, der auf die Spur einer Sabotageaktion in der Fabrik gekommen war, um 17.25 von einer Kampfeinheit von KEDYW vor der Pförtnerloge der Fabrik „Wola" in der Bem-Straße erschossen. Darüber hinaus behandelte er die Polen besonders grausam.
          Am 26 Juli setzte das KEDYW des Warschauer Bezirks von Heimatarmee ein Lager mit Kraftstoffen „Wysoccy" in der Żelazna- Straße 61 in Brand.
          Am 31 Juli setzte auch eine Einheit des KEDYW-s des Bezirks Warschau (Heimatarmee) ein großes Lager von Kraftstoffen in der Gniewkowski - Straße in Brand. Nachdem die Wachmannschaft terrorisiert worden war, brachte man Sprengladungen an. Es verbrannten circa 1.400.000 Liter Benzin, 20.000 Kilogramme Schmiermittel, 2 Kesselwagen und ein PKW. Organisatoren der Aktion erlitten dabei keine Verluste.


Brand der Lager in der Gniewkowska - Straße

          Am 12 August führte die Sonderabteilung des KG (HUAPTKEDYW) der Heimatarmee „Osa" die Aktion „Góral" durch. Aus der Emissionsbank in der Bielańska - Straße wurde nach Krakau ein Transport mit einer großen Geldsumme geschickt.





Emissionsbank (Bild rechts - J. Mańkowska)


          Infolge einer recht waghalsigen Aktion in der Senatorska - Straße, am Ausgang der Straße hin in Richtung Plac Zamkowy (Schlossplatz) übernahm man um 11.17 Uhr ein Auto mit Geld mit circa 106 Millionen Zloty und eine gewisse Summe von Ostmarken und Deutschmarken. Erbeutet wurden zwei Maschinenpistolen der Marke „Bergmann", zwei Stück Gewehr wie auch zwei Pistolen „Parabellum". Die Aktion dauerte etwa zweiundeinhalb Minuten. Der Wagen mit Geld und zwei andere an der Aktion beteiligte Fahrzeuge überquerten die Zakroczymska - Straße in Richtung Żoliborz (ein Stadtteil in Warschau) und dann fuhren sie entlang der Alle der Polnischen Armee, entlang der Piaskowa und Tatarska- Straße nach Ostróg.


Plan der Aktion "Góral"

          Von dort aus überquerte der Wagen die Gostyńska, Płocka und Górczewska - Straße und fuhr in die Sowiński- Straße 47 im Stadtteil Wola hinein, wo Bronisław Ruchowski, Gärtner von Beruf, Deckname „Bartek", Mitglied des HAUPTKEDYW-s der Heimatarmee in seinem kleinen Gärtnerhaus, das dicht am Wola - Friedhof gelegen war, die Teilnehmer der Aktion erwartete.


Bronisław Ruchowski, Deckname „Bratek"

          Um 11.40 wurden die Säcke mit der „Beute“ in einen Graben versteckt und mit Kartoffelkraut bedeckt. Der Wagen fuhr weg und wurde in der Ordon- Straße gelassen. In der Nacht wurden die Säcke mit Geld in ein Glashaus gebracht, in einen Graben im Glashaus versteckt, wo „Bratek" Begonie einpflanzte.


Gärtnerhaus (Bild J. Mańkowska)

          Am 14 August kam am Glashaus eine große 2- Tonnen- wiegende Plattform angefahren, auf die „Kästen mit Gemüse" sowie „Säcke und Körbe mit Tomaten" geladen wurden, wo sich, tief versteckt, die Säcke mit Geld befanden. Der Wagen, der von 7 Soldaten eskortiert wurde, erreichte ohne Probleme die Śliska - Straße 15, wo das Geld in Geldfächer versteckt wurde. Die Aktion war vollkommen erfolgreich.

          Am 31 August 1943 zerstörten die Soldaten der Volksgarde ein Gleis der Bezirksbahnlinie in Powązki; in der zweiten Hälfte September wurde dieselbe Linie erneut zum Ziel eines Angriffs.
          Am 14 September setzte eine aus 14 Personen bestehende Gruppe von Soldaten der Heimatarmee aus der Kampfabteilung ODB Wola 4 Baracken mit elektrischen Geräten in der Bem- Straße in Brand.
          Am 25 September sprengte eine Kampfeinheit der Volksgarde die Bahngleise zwischen der Bem und Dworska- Straße in die Luft, wodurch der Zugverkehr für einige Stunden unterbrochen wurde.
          Im Oktober 1943 hat die Kampfgruppe „D2" aus dem DB „18" des KEDYW-s einen Versuch vorgenommen, die Wachstube in den Lilpop - Werken im Stadtteil Wola zu erobern.

          Der Gouverneur Hans Frank war sich darüber im Klaren, welch großes Problem das „unbezähmbare“ Warschau für die deutschen Besatzer war. Er sagte:
          „ Wäre Warschau nicht innerhalb des Generalgouvernements gelegen, da hätten wir nicht mehr 4/5 Probleme, die wir zu bewältigen haben. Warschau ist und bleibt der Hauptpunkt von Chaos, ein Punkt, von dem aus Unruhe in diesem Land-e verbreitet wird“.br>
          Die Deutschen nahmen Zuflucht zu neuen Methoden, um die Warschauer zu terrorisieren. Im Oktober begannen Straßen - Razzias von außergewöhnlich großem Ausmaß. Beteiligt waren daran deutsche Polizeieinheiten wie auch Einheiten der Wehrmacht, Luftwaffe und Hitlerjugend. Größere Strecken von meist genutzten Straßen oder Warschauer Stadtteilen wurden umgeben und alle Männer ohne Ausnahme sowie ein Teil von jüngeren Frauen wurden festgehalten. Die Festgenommenen wurden mit dem Gesicht an die Wand gestellt und dann auf Polizeiwagen geladen. Die Deutschen anerkannten keine anderen Arbeitsbescheinigungen außer Bescheinigungen über Einstellung in Einrichtungen, die für Kriegsbedürfnisse arbeiteten. Die Verhafteten wurden ins Gefängnis- Pawiak gebracht. An diejenigen, die eine Flucht versuchten, wurde ohne Warnung geschossen. Große Razias wurden auch im Stadtteil Wola durchgeführt.

          Als Vergeltung für die zunehmende Welle von Attentaten begannen die Deutschen, massenweise öffentliche Hinrichtungen durchzuführen. Zu ausgewählten Stadtpunkten kamen mit Planen bedeckten deutsche LKW-s (Lastkraftwagen) – „Budy", die voller Häftlinge waren. Die Opfer wurden dann aus den Wagen herausgeschleppt und vor eine Straßenmauer und das Erschießungskommando gestellt. Oft wurde der Mund der Opfer mit Gips verklebt, damit diese ihren letzten Schrei nicht ausstoßen konnten. Nach der Hinrichtung wurden die Leichen wieder auf die Lastwagen reingeworfen und abtransportiert. Auf dem Platz, wo Menschen früher hingerichtet worden waren, erschienen gleich danach Blumen. Oft nahmen Frauen die durchblutete Erde, die dann in Kirchen als Reliquien diente. Zahlreiche Straßenhinrichtungen wurden im Stadtteil Wola durchgeführt.
          Am 22 November 1943 wurden um etwa 10. Uhr eine Gruppe von Pawiak - Häftlingen, in der Młynarska-Straße (Ecke Wolska - Straße) hingerichtet, eine andere Gruppe wurde im Ghetto erschossen; in der Młynarska - Straße wurden hingegen 10 Straßenbahnfahrer hingerichtet.


Hinrichtungsstätte in der Młynarska - Straße

          Am 26 Oktober wurden an einer Mauer in der Leszno - Straße 3 circa 30 Personen hingerichtet. Am 30 Oktober wurden dagegen 10 Häftlinge aus dem Gefängnis in Pawiak in der Towarowa - Straße (Ecke- ‎‎Lucka - Straße) hingerichtet. Vor dem Tod haben sie zweimal zusammen „Es lebe Polen" geschrieen.





Hinrichtungsstätte in der Towarowa- Straße an der ‎Lucka- Straße (Bilder M. Janaszek - Seydlitz)


          Am 9 November wurden in der Płocka - Straße 2 einige Dutzend Menschen erschossen.
          Am 18 November wurden bei einer anderen Straßenhinrichtung in der Wolska-Straße 77, an der Syrena - Straße eine Gruppe von Männern und Frauen hingerichtet.


Hinrichtungsstätte in der Syrena – Straße (Bild J. Mańkowska)

          Am 23 Dezember wurden um etwa 09.00 Uhr 43 Häftlinge in der Górczewska- Straße 14 an der Płocka-Straße und 57 Häftlinge in der Górczewska- Straße 15 erschossen.





Hinrichtungsstätte in der Górczewska – Straße 14 (Bilder M. Janaszek-Seydlitz)


          Am 13 Januar 1944 wurden in der Hinrichtung in der Górczewska - Straße 14 circa 40 Menschen und circa 300 Polen in der Górczewska-Straße 15 erschossen.





Hinrichtungsstätte in der Górczewska – Straße 15 (Bilder M. Janaszek -Seydlitz)


          Am 10 Februar wurde eine andere Hinrichtung in der Wolska - Straße 77 durchgeführt.
          Der Untergrundstaat ließ sich aber durch diese Gräueltaten der Deutschen nicht einschüchtern. Gewalt wurde mit Gewalt erwidert.
          Am 7 September 1943 verübte eine Gruppe des KEDYW-s der Heimatarmee ein erfolgreiches Attentat auf einen besonders grausamen Funktionär („Henker“) aus dem Gefängnis in Pawiak - Frank Bürke.
          Im Oktober 1943 nahm die Kampfgruppe „D2" aus dem DB „18" des KEDYW-s des Bezirks Warschau einen Versuch vor, die Fabrikwachstelle in den Lilpop - Werke in Wola zu erobern.
          Am 25 Oktober wurde ein anderer „Henker aus Pawiak“, namens Klein von einer Kampfgruppe des HAUPTKEDYW-s (Polnisch: KG) der Heimatarmee an der Ecke der Leszno und Rymarska-Straße liquidiert.

          In der Periode: Dezember 1943 - März 1944 wurde vom KEDYW die Aktion „Topiel" durchgeführt, die gegen besonders gefährliche Beamten und Führer oder Chefs von verschiedenen Dienststellen und Abteilungen der deutschen Verwaltung in Warschau und gegen Polizeinformanten gerichtet war. Gemäß des Urteils im Zivilverfahren eines Sondergerichts wurde am 5 Januar 1944 ein Geheimagent der I Kriminalpolizeidienststelle - Józef O. in der Nähe seines Hauses in der Płocka - Straße erschossen. Am 12 Januar liquidierte die DB „3" - Einheit des KEDYW-s den Führer der ersten Bahnpolizeidienststelle in Warschau - Leon Komorowski in der Towarowa - Straße (Ecke Srebrna- Straße).

          Im Januar 1944 wurde in den städtischen Gaswerken im Stadtteil Wola ein Gaskompressor, der die Stadt und Fabrik „Ursus“ mit Gas versorgte, beschädigt.
          Am 30 Januar 1944 bewarfen Soldaten der Volksgarde aus dem Stadtteil Wola mit Brennflaschen die Reperaturwerkstätten für Militärwagen in der Leszno - Straße (Ecke Karolkowa-Straße) und beschädigten dabei drei Lastkraftwagen.
          Am 27 März brachte einer der KEDYW-s Soldaten an der Wache Nr 5 (Bem - Straße) einen Sprengstoff unter einen Flugmotor an, der sich in einem Wagen befand. Die Sprengladung explodierte um 19.40 Uhr. Der Flugmotor wurde vollkommen zerstört und der Wagen- beschädigt. Dies war eine andere Aktion solcher Art.
          Am 4 April liquidierte eine Soldatengruppe aus der Hauptabteilung des „Kollegiums „A" des KEDYW-s des Bezirks Warschau der Heimatarmee den Chef der Bahnpolizeidienststelle Karl Schmalz „Panienka" und fünft andere Deutschen auf dem Bahnhof Warschau-West. Erbeutet wurde Maschinengewehr, Pistolen und Munition.
          Am 17 April führte eine Kampfgruppe der Bataillon der Volksarmee (Polnisch: Batalion im. Czwartaków) eine Aktion durch, deren Ziel es war, den Wachposten in der Philips - Fabrik, in der Karolkowa - Straße zu übernehmen. Hauptziel der Aktion war, eine Maschinenpistole zu erbeuten. Die Aktion war erfolgreich. Zwei Wachmänner wurden dabei getötet. Waffen und Munition wurden ohne eigene Verluste erbeutet.
          Am 10 Mai erbeuteten fünft Soldaten einer unbekannten Organisation aus der Wachstelle der „Döring-Werke" in der Okopowa - Straße drei Pistolen, die Eigentum der Fabrikwache waren.

          Der größte Erfolg des KEDYW-s war das erfolgreiche Attentat auf Kutschera, das Anfang 1944 verübt wurde. Der SS- General Franz Kutschera trat am 25 November die Stelle des Warschauer SS - und Polizeiführers an. Gleich danach traf er aggressive Maßnahmen gegen den polnischen Untergrundstaat. Auf seine Initiative wurde eine groß angelegte Aktion von Razzias und Straßenhinrichtungen begonnen. Bekanntmachungen über die Hinrichtungen wurden folgendermaßen unterzeichnet: „Warschauer SS und Polizeiführer" ohne Angabe des Namens. Die Führung der Untergrundkampforganisationen kam dazu, wer (sich) dahinter ver -steckt und fällte einen Urteil gegen Kutschera. Am 1 Februar griffen Soldaten der Einheit „Pegaz" des HAUPTKEDYW-s der Heimatarmee um 09.09 Uhr in der Aleje Ujazdowskie (Ujazdowskie - Allee) zwischen der Chopin-Straße und der Pius - Straße (heutige Piękna-Straße) das Auto an, das Kutschera aus seinem Wohnort in der Aleja Róż (Rosenallee) 2 hin zum Palast in die Aleje Ujazdowskie 23 fuhr, wo sich seine Dienststelle befand. Die beiden Gebäude waren lediglich 140 Meter voneinander entfernt. Die Aktion endete mit vollem Erfolg, der „Henker“ Warschaus wurde liquidiert. Als Vergeltung für das Attentat erschossen die Deutschen 300 Polen - Bewohner von Wola.

          Indem die Deutschen massenweise Straßenhinrichtungen durchführten, glaubten sie, die Bewohner Warschaus terrorisieren und einschüchtern sowie weitere Aktionen des polnischen Untergrundstaates im Keim ersticken zu können. Diese Voraussetzungen waren falsch. Die Angstbarriere war bereits in der früheren Periode zu Ende, nun nahm aber die Hassspirale nach und nach zu.


Bewaffnete Aktionen in Warschau

          Die Lage auf der europäischen Kriegsbühne wurde mit jedem Tag für die Deutschen immer ungünstiger. An der Westfront landeten die alliierten Truppen im Juli und September 1943 in Italien und rückten systematisch vorwärts hin in nördlicher Richtung der Halbinsel vor. Dies geschah, nachdem die Deutschen ihren Kampf um Nordafrika endgültig verloren hatten. Am 6 Juni 1944 begannen die Alliierten ihren Sturmangriff auf die deutschen Befestigungen in der Normandie. (Nordfrankreich). An der Ostfront waren die deutschen Truppen nach der Niederlage bei Stalingrad im Februar 1943 ganze Zeit im Rücktritt. Am 6 Januar 1944 überschritten die Sowjets die polnische Grenze von 1939 (Vorkriegsgrenze) und im Juli 1944 überquerten sie den Fluss Bug.

          Zwischen dem 28 November und dem ersten Dezember 1943 kam es in Teheran zu einem Zusammentreffen der Regierungschefs von dem Sowjetischen Russland, von den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Stalin, Roosevelt und Churchill machten die ersten Verhandlungen, die das weitere Schicksal von Europa nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs betrafen. Die Westalliierten waren vollkommen auf die Rote Armee angewiesen und wussten, dass nur mit Hilfe dieser Armee der Krieg gegen das Nazi - Deutschland endgültig gewonnen werden konnte. Somit akzeptierten sie die Forderungen von Stalin, die sich auf die Festlegung der sowjetischen Einflusszone in Mittel - und Osteuropa bezogen. Nach einem Geheimprotokoll sollte Polen in der sowjetischen Einflusszone liegen, was folglich dazu führte, dass die Republik Polen (nach dem Krieg - Volksrepublik Polen) ihre Souveränität für die nächsten Jahrzehnte verlieren sollte. Zum nächsten Mal wurde Polen von seinen westlichen Verbündeten verraten und im Stich gelassen. Polen hatten keine Ahnung über diese Bestimmungen.

          Es kam August 1944.


Bearbeitung:
Jerzy Janowski
Maciej Janaszek-Seydlitz
Janina Mańkowska

Übersetzung: Jacek Konopka



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