Aufständische Zeugenberichte

Warum wurde die grausame Hinrichtung bei der Dworkowa – Strasse am 27. September 1944 ausgeübt?





Aleksander Kowalewski,
Sohn von Paweł und Agata, geboren am 17.08.1920 in Wilna, gestorben am 20.05.1997 in Warschau
Deckname „Longinus” Baszta Regiment Funk-Kompanie K4



         Im Zusammenhang mit verschiedenen Berichten, die von Ereignissen vor der Hinrichtung bei der Dworkowa-Strasse am 27.IX. 1944 handelten, stellte man fest, dass ihre Hauptursache war, der Versuch seitens dort gefangenen Soldateneinen Widerstand zu leisten. Ich möchte dazu meine Bemerkungen hingeben.
         Am 26. September 1944, auf Befehl von Kommandeur Leutnant "Daniel" zusammen mit anderen Soldaten aus meiner Kompanie sind wir in die Kanäle gegangen, um ins Stadtzentrum zu gelangen. Es stellte sich heraus, es war schon zu spät. Die Nazis sahen die Möglichkeit vor und versperrten manche Strecken der Kanäle und stellten dort Wächter. Ich beschreibe die 15-stündige Wanderung durch Kanäle und alle Tragödien, die ich dort sah lieber nicht. Ich erkläre lediglich ihr letzter Abschnitt. Nachdem ich feststellte, dass ich durch die Kanäle zum Stadtmitte nicht durchkomme, entschied ich mich zum Ausgangspunkt d.h. zu Ausstiegluke bei der Szuster- und Bałucki-Strasse zurückzukehren, um das Schicksal der Soldaten aus den Schutzabteilungen, die noch an ihren Stellen blieben, zu teilen.
         Als ich in die Richtung des Regenwasserabflusses unter die Puławska-Strasse ging, musste ich mich durch die Menge den Durchgang sperrenden Menschen durchdrängen. Wie es sich herausstellte, sie warteten nur auf das Eröffnen der Ausstiegsluke und waren bereit die Stelle zu verlassen, auch wenn sie in die Hände des Feindes fallen sollten. Man hörte hysterisch weinende Frauen, man hörte, wie die Menschen schwer atmen, denn es fehlte an Sauerstoff. Die sich in der Menschenmasse befindenden Kameraden teilten mit, dass Unteroffizier „Józef” (sein Nachname lautete wahrscheinlich Piórkowski) aus K-4, Mitarbeiter einer Telefongesellschaft, die Entscheidung traf die Kanäle zu verlassen, um nach Hause bei der Konduktorska-Strasse zu gelangen.
         Da er alleine mit dem schweren Deckel nicht zurecht kam, kletterte einer von seinen Kameraden nach oben, um ihm zu helfen. Ich dachte damals, es ist kein guter Ausweg. Drängend befreite ich mich aus dem Stau und ging weiter in der von mir gewählten Richtung. Ich hatte keine Handlampe dabei und ging vorwärts wie ein Blinder weiter. Ich spürte nur Hindernisse, die auf dem Boden lagen. Nach einiger Zeit begegnete ich einer anderen Gruppe der Menschen, die den Weg versperrten und unter der nächsten Aussteigluke standen. Vom Hören erkannte ich darunter den Stellvertreter von Kommandeur K-4, den Oberleutnant „Gerard“ und Kommandeur der Rundfunkabteilung, den Oberleutnant „Kępa”. Als ich ihm erklärte, wohin ich gehe, teilte er mir mit, dass Mokotów kapitulierte, und die Nazis überall anwesend waren. Der letzte Weg war also abgesperrt. Ich war damit total zerschmettert. Ich fragte sie, was ich dann tun soll. Sie antworteten, jeder soll selbst die Entscheidung treffen. Die Situation war ausweglos. Hier wurde auch überlegt, ob man die Ausstigluke nicht eröffnen sollte. Ich war der Meinung, dafür gibt es immer die Zeit. Schnell suchte ich nach jemandem, der mir eine andere Lösung vorschlagen konnte. Ich fing an in die Richtung der vorigen Ausstiegluke zurückzukehren, denn aus dieser Richtung spürte ich frische Luft. Die Luke wurde eröffnet. Als ich nähere ankam, sah ich weitere Menschen, die nach oben kletterten. Andere trümmelten sich beim Ausweg. Sie waren mit dem Sonnenlicht beleuchtet. Die Menschen besprachen ihre Lage.
         Aus dem Kanal konnte man Rufen, Schreien oder sogar Schüsse hören. Es wurde mit mitgeteilt, dass sich der Oberleutnant „Gustaw” erschloss. Ich wusste ihn wegen seiner Tapferkeit und Gelassenheit zu schätzen. Diejenigen, die weniger widerstandsfähig waren, drängten von hinten, um ihnen Weg zu machen, denn es an Sauerstoff mangelte. Die bei der Ausstiegluke Stehenden waren unentschieden. Ich merkte, dass meine Kameraden aus der Kompanie Korporal "Wołodyjowski", Zugführer "Stefan" und andere ausgehen. Darunter stand auch Feldwebel "Rybak", Chef der K-4 Kompanie, der unter dem Arm eine schwarze Waschtuchtasche mit den Dokumenten der Kompanie trug. Ich sah, er konnte nicht mehr. Er wendete sich an mich und andere Kameraden und sagte: „Ich sehe keinen anderen Ausweg. Ich sterbe hier an Luftmangel. Ich gehe aus.” Er warf die Tasche ins Kanal, wo sich schon andere, unnötige Gegenstände befanden.
         Nach einiger Zeit kam zur Pause, keine weitere Person traf die Entscheidung auszugehen. Ich schaute nach oben und im Hintergrund des blauen Himmels sah ich eine Gestalt eines SS Offiziers, der rief "Komm, komm! Schneller!". Diese Weile war wohl die schlimmste in meinem Leben. Entweder sterbe ich sofort, indem ich dem Selbstmord begegne, wie der Oberleutnant "Gustaw" tat, oder mit fast hundertprozentiger Sicherheit, wenn ich die Kanäle verlasse, werde ich erschossen. Niemals, als ich an meinem Tod dachte, stellte ich ihn mir als Kapitulation und Erwartung seitens des Folterknechtes vor. Ich musste die Entscheidung ganz am Anfang von meinem Leben treffen. Diese Entscheidung, in der so wichtiger Angelegenheit, musste man auch schnell treffen. In Gedanken erschien eine kleine Hoffnung, dass wenn ich rausgehe, habe ich doch eine winzige Chance. Ich beschloss der Intuition meiner Vorhänger, die rausgingen, zu vertrauen. Vielleicht darf ich doch überleben? Ich ließ den Telefonapparat, meinen Helm, deutschen Gürtel, die Pistole los und begann nach oben zu klettern. Es geschah gegen 12 Uhr. Als ich meinen Kopf aus der Luke ausstreckte, blendete mich die schöne Herbstsonne. Im Moment, als ich bei der Ausstiegluke stand, ein sich in der Nähe befindender Offizier schrie „Hände hoch“, und dann zeigte auf einen Soldaten, der mich revidieren sollte. Jeder, der die Kanäle verließ, wurde revidiert. Man nahm ihm nicht nur Waffen und Munition (die, so wie so in den Kanälen gelassen wurde), sondern auch Dokumente und wertvolle Gegenstände weg. Einem von meinen Kameraden wurde befohlen, neue Offizierschuhe auszuziehen. Mich revidierender junger (ca. 20-jähriger) Soldat nahm in seine Hosentasche mein silberner Bleistift und Feder.

         Meine Taschenbörse mit Ausweisen und Fotos warf er auf einen Haufen mit anderen Gegenständen, die den anderen bei der Untersuchung weggenommen wurde. Ab dem Moment wurde ich namenlos und vergangenheitslos. Ich konnte mein Leben von Anfang an beginnen und dabei alles ausdenken, was es mir nur ins Kopf ginge. Man könnte so tun, wenn man leben dürfte. Falls mein Körper mal exhumiert wäre, wäre ich aber namenlos. Nach der Revision ließ man mir mich auf dem Boden hinterlegen, wo schon meine Kameraden lagen. Ich bemerkte, dass mit der Abteilung ein SS Offizier kommandierte, der die von der Gendarmeriesitz bei der Dworkowa-Strasse kommende Befehle erfüllte. Auf dem Höhepunkt der Büsche einer von denen begann runter zu gehen und als er sich in der Entfernung ca. 2 Meter von deren Fuß befand, blieb er stehen und beobachtete und mit einem bösen und hassenden Blick. Er beschimpfte uns als Banditen, polnische Schweine und polnischer Mist dabei. Letztendlich fragte er uns „wer spricht deutsch?” Da es jeder schwieg, setzte er fort „ihr versteht so wie so” und gab zu „wer von euch weißt, was mit dem Feldwebel, hier nannte er einen Name und Vorname eines Soldenten, der am 8.08 patrouillierte und nicht zurückkehrte?“. Weil er immer ihn keine Antwort bekam, stellte er fest „ich verzeihe das euch nicht“. „Das war mein bester Freund und für seinen Tod, zertrümmere ich heute einige eure Köpfe“. Es zeugt davon, dass ich Hinrichtung bei der Dworkowa-Strasse nicht durch den Widerstand der Soldaten-Gruppe, die durch die Luke auskam, deren Ausgang sich bei der Dworkowa-Strasse befindet, verursacht wurde. Und es ist nicht wahr, dass die Gendarmen durch die Soldaten zum Tat provoziert wurden. Die Monologe des Gendarmen auf der Büschung zeugt davon, dass die ganze Aktion früher geplant wurde, ohne Rücksicht darauf, wie sich die in die Gefangenschaft geratene Soldaten benehmen sollten. Ein Teil von uns oder sogar alle sollten getötet werden, um den Gewinner den schwachen Kampfgeist zu unterstützen. Das war reine Rache für jegliche Misserfolge und Opfer, die sie während der Aufstand-Kämpfen getragen.
         Da es eine längere Pause entstand und keine weitere Person den Kanal hinterließ, teilte der Offizier mit, dass er nach einem Dolmetscher – Person, die gut Deutsch kennt, sucht. Darauf meldete sich Sergeant Fähnrich Budkiewicz aus K-4. Der Offizier befahl ihm, um auf polnisch die sich in Kanälen befindenden Personen zum Ausgang aufforderte. Er ließ ihm in die Luke gehen und durch uns hinterlassene Waffen zu holen, was der Sergeant auch tat. Weil die Aufforderung nicht wirkte, ließ er noch einmal sagen, dass die Deutschen noch 10 Minuten warten.
         Um 13.00 werden dort Granaten hinterworfen. Zwischen durch berieten die Soldaten einige Granaten und mit der deutschen Genauigkeit, pünktlich um 13.00 Uhr fand die Detonation statt. Danach kam es zur Unruhe. Man warf verschiedene Befehle und es kam zur Schiesserei. Es wurde uns befohlen unsere Köpfe direkt beim Boden zu halten. Die Kugel flogen über uns. Ich dachte, dass die Schutzabteilungen, die noch nicht entwaffnet wurden, versuchen uns zu befreien. Nach einigen Minuten kam die Schiesserei langsam zu Ende. Ich schaute Richtung die Belwederska-Strasse und merkte einen im weißen Hemd fliehenden Mann und einen deutschen Soldaten mit der Waffe in der Hand, der hinter ihm folgte. Der Soldat fang ihn und ließ ihm mit der entsprechenden Handbewegung zu uns zurückkehren. Je näher sie kamen, erkannte ich in dem Zivilisten einen Soldaten aus unseren Kompanie und zwar Sergeant "Blondynka" ( poln. - Blonde). Er war verletzt. Er unterstützte mit der rechten, seine linke Hand, deren Ärmel von Blut abfließen. Budkiewicz sollte uns folgende Erklärung dolmetschen; "alle, die versuchen zu fliehen, passiert dasselbe was ihm – hier zeigte auf "Blondynek" - "Abschließen!". Der Soldat, der ihn brachte, stellte ihn am Rande des Pfades, mit dem Gesicht richtungs Belwederska-Strasse. Der Verurteilte konnte in den letzten Weilen seines Lebens auf den Ausfall der Podchorążych –Strasse, wobei der wohnte, schauen. Vielleicht sah er sein Haus, wohin er hoffnungsvoll floh, wo auf ihn wahrscheinlich seine Mutter wartete. Es fehlte ihm an Glück, denn er wurde getappt. Es mangelte ihm an Kräfte, er blutete aus. Zwischendurch, hinter seinen Rücken fand eine grausame Szene statt, die von der Unmenschlichkeit der menschlichen Gefühle zeugte. Seine zwei Altersgenossen, deutschen Soldaten rießen sich einander ein Gewehr heraus, um die wehrlose Opfer zu erschissen. In der Zeit, als der Gewinnjäger die Waffe durchladete und wollte sich auf der anderen Seite des Pfades statten, um die Opfer genau in den Hinterkopf zu schießen, lief zu ihm ein anderer Soldat, der sich seine Zielkunst zur Schau stellen wollte. Er wollte solche gute Gelegenheit nicht verpassen. Erst der Offizier traf die Entscheidung. Derjenige, der sich so sehr bemühte, um jemanden das Leben zu nehmen, war der Gewinner. Dann kam der Schuss. Die Opfer beugte sich und wie mit einem Blitz versetzt und fiel mit dem Gesicht zu Boden. Die Tragödie einiges von uns spielte im Hintergrund der Herbstlandschaft, bei Sonnenuntergang, in Anwesenheit von vielen Zuschauer ab. Er starb wegen seines Kampfes um die Unabhängigkeit des Volkes gegen den rücksichtslosen und unmenschlichen Angreifer. Er bezahlte den höchsten Preis, den Preis seines Lebens.
         Seit einigen Stunden lagen wir nass, hungrig und todmüde im kühlem Schatten des Randes. Diejenigen, die psychisch schwächer waren, zitterten vor Kälte und Angst. Die ständige Ungewissheit, was mit uns passiert, zwang uns zur ständiger Aufmerksamkeit. Die tragische Szene, die wir sahen, gab der Rest eine winzige Hoffnung. Die Erklärung des Offiziers, dass die Flüchtlingen erschossen werden, bedeutete auch, dass die Nazis in dem Moment keine Absicht haben die Anderen auch zu erschießen. Eine weitere Hoffnung gab auch die Nachricht, dass die Krankenpflegärinen kommen sollen, um die Verletzten aus unserer Gruppe zu besorgen. Nach einigen Minuten kam ein Befehl, uns zu zweit zu stellen und kam das Kommando „vorwärts Marsch!“. Wir begaben uns zu Treppen. Dann bemerkte ich die Leichen, der bei den Treppen liegenden Kameraden „Knox“ und anderen, die versuchten aus den Kanälen bei der Dworkowa-Strasse zu fliehen und von den Gendarmen erschossen wurden. Die Deutschen standen mit Gewehren in den Händen, andere mit Händen auf den Hüften oder auf den Brüsten gekreuzt. Sie nahmen unseren Vormarsch ab. Als ich aber rechts schaute, sah ich etwas Grauenvolles. Beim Stachelzaun, der die Strasse vom Rand trennte, lagen viele Menschenleiche, Opfer der Hinrichtung.
         Nach der Lage der Leichen stellte sich fest, dass sie bei der Hinrichtung mit dem Rücken an ihre Henker gewendet waren. Man schoss ihnen in die Rücken oder in den Kopf. Manche Leichen hangen an den Drahten, andere fielen an das Häufen der Leichen ihrer Vorgänger. Nach der Kleidung konnte man manche Personen erkennen.
         Ich war Teilnehmer den Ereignissen und ich kann nicht mit der falschen Umstandenbeurteilung zustimmen. Ich hörte folgende Beschreibung den Ereignissen: ein Teil der gefangenen Soldaten (man weiß nicht, wie viel davon waren) nach dem Kommando von Fähnrichen versuchte nach den Waffen mit dem Schrei „wir lassen uns nie wie Hammel zerschlachten“ zuzugreifen.
         Als Rache schießen die Deutschen circa 120 Personen ab. Diejenigen, die stillblieben und nicht aufwiegelten, überlebten und zur Zeit können sie darüber berichten. Nach einem Bericht, wenn man die Gendarmen beurteilt, kann man sagen, dass sie dazu provoziert waren und nach dem Kriegrecht, schießen sie die Rebelianten einfach ab. Benahmen sich die Gefangenen unprovokativ, wäre ihr Leben unberuht. Man beschreibt das Ereignis als ein von vielen während des Krieges. Aber das ist nicht wahr. Die Hinrichtung war durchaus geplant. Davon zeugt der von mir erwähnte Monolog des Gendarmen eine Stunde vor der Hinrichtung. Ich bin sicher, unabhängig davon, wie sich die Gefangenen benehmen würden, wären sie tot. Ihre Verzweiflungstat war nur eine Folge der Atmosphäre, die dort die Gendarmen bildeten, als sie über die Hinrichtung schamlos sprachen und den Gefangenen drohten. Sie sahen doch die Vorbereitungen zur Hinrichtung. Alles das brachte sie zu dem verzweifelten Schritt. Die Tragödie der Ereignissen wird noch durch die Tatsache vertieft, dass es dort der Befehl von General von dem Bach missbraucht wurde, der ließ die aufständischen Soldaten als Kriegsgefangene behandeln. Eben dank des Befehles habe ich und meine Kameraden überlebt, weil wir 30 Meter vor dem Hinrichtungsplatz die Kanäle verließen und in die Hände vom „Bestie“ nicht fielen. Die Hingerichteten sollte dasselbe Recht schützen. Wären sie Mörder gefunden, konnten sie sich nicht mit dem Erfüllen ihren Pflichten verhüllen, denn nach dem damaligen deutschen Kriegesrecht, unterlagen sie deutlich einer Strafe. Dieses Recht war aber für sie unbequem.

Aleksander Jacek Kowalewski

Übersetzung: Małgorzata Czech



     

Aleksander Jacek Kowalewski Deckname "Longinus"
Regiment Baszta Funk-Abteilung K4
(geboren Wilna 1920 – gestorben Warszawa 1997)


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